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Werke über Knochenbrüche, von dem specielle Kapitel ja leider noch nicht erschienen sind, sehr
richtig bemerkt, natürlich gleichgültig ist, ob dieser von aussen auf die ruhende Tibia einwirkt,
(Hufschlag, Ueberfahren u. s. w.) oder ob diese einen solchen durch Aufschlagen auf einen festen
Gegenstand (bei einem Fall) erleidet. Was die Richtung der einwirkenden Gewalt anbelangt, so
kann dieselbe den Unterschenkel natürlich von allen Seiten treffen, wie auch in den angeführten
Fällen Einwirkungen von 3 Seiten von vorn, innen und aussen vertreten sind. Ob ein Stoss von
einzelnen Seiten mehr zu Fracturen Veranlassung giebt, als von andern, wie es z. B. bei einer
Einwirkung gegen die vordere und innere Seite bei der grösseren Fxponirtheit der Tibia an
diesen Stellen a priori wahrscheinlich sein dürfte, wage ich nicht zu entscheiden. Immerhin
wird aber eine beträchtliche Grösse der Gewalt zum Hervorbringen einer solchen Fractur noth-
wendig sein.
Brüche des Tibiakopfes entstehen aber nicht einzig und allein durch directe Gewalt, sondern,
wie Fall VI. beweist können dieselben auch auf indirectem Wege zu Stande kommen und das ist
ein Punct, bei dem ich etwas länger verweilen möchte. Frägt man nämlich nach den Mechanis
mus , durch welchen solche Brüche zu Stande kommen, so kann man sich zunächst sehr gut denken,
wie Gurlt ] ) indirecte Fracturen an Gelenkenden entstehen lässt, dass durch eine sehr bedeutende
auf das obere Ende der Tibia in der Axe dieses Knochens einwirkende Gewalt der spongiöse
Kopf desselben zerdrückt werden kann. Es ist dies noch einleuchtender, wenn man bedenkt,
dass bei einem solchen Druck von oben, zugleich der dünnere Schaft der Tibia wie ein Keil
von unten her auf die spongiöse Substanz einwirken und dieselbe zu zersprengen suchen wird.
Diese für derartige Fracturen gewiss sehr plausible Erklärung mag auch für manche Fälle
von Bruch des Tibiakopfes, besonders für solche mit Einkeilung die richtige sein, dass sie
aber nicht für alle ausreicht, wird schon dadurch wahrscheinlich, dass eine so grosse Ge
walt, wie sie zum Zerdrücken des Tibiakopfes bei einem gesunden Manne im kräftigsten Mannes
alter thatsächlich nothwendig ist, in manchen Fällen, wie speciell in dem unsrigen, gar nicht vor
liegt. Ein Sprung von einem Blockwagen auf die Erde ist doch ein an sich so geringfügiges und
so unendlich häufig ohne alle nachtheiligen Folgen eintretendes Ereigniss, dass von einer hoch
gradigen Einwirkung gewiss nicht die Rede sein kann. Wenn trotzdem in diesem Fall bei einem
gesunden Manne von 47 Jahren dadurch eine Tibiakopffractur erfolgt ist, so muss man die Ur
sache davon in andern Dingen suchen. Ich habe zu diesem Zwecke versucht, durch Versuche-an
Leichen mir die Thatsache zu erklären und waren die Resultate dieser kurz folgende: Es ist mir
wiederholt gelungen, durch indirecte Gewalt Brüche des Tibiakopfes zu erzeugen, häufiger und
leichter allerdings an Leichen alter decrepider Personen mit osteoporotischen Knochen, aber doch
auch an solchen jüngerer Individuen und zwar auf zweierlei Art und Weise: durch Hyperextension
und gewaltsames Umbiegen des gestreckten Beins nach aussen (forcirte Valgusstellung). Nie ist
mir dasselbe gelungen durch Umbiegen nach innen. Bei flectirtem Bein habe ich ebenfalls nie
eine Fractur zu Stande bringen können. Diese Beobachtung mag sich nun z. Th. daraus erklären,
dass bei gestrecktem Bein durch die Spannung der sehr festen ligg. laferalia und des lig. popliteum
die das Kniegelenk constituirenden Gelenkflächen bekannter Weise fest gegen einander, resp. gegen
den Zwischenknorpel gepresst sind und so Ober- und Unterschenkel einer sowohl von vorn, als
auch von beiden Seiten einwirkenden Gewalt gegenüber gleichsam einen festen Knochen bilden,
1) Gurlt, »Lehre v. d. Knochenbr.« p. 205.

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