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Um das ontogenetische Verhalten des Radius und der Ulna zu constatiren,
habe ich mehrere Rinderembryonen untersucht, deren Alter zwischen die 8te und
12te Woche, mithin also in die Zeit fiel, in welcher die Verknöcherung der Anti-
brachial-diaphysen statt findet. Und zu meinem Erstaunen fand ich, dass der Radius
dieser Thiere in diesem relativ hohen Alter noch einwärts von der Ulna lag, aller
dings schon etwas nach vorne abgewichen. Die Ulna hingegen lag etwas nach hinten
und bedeutend weiter nach aussen, als wir dies beim erwachsenen Rinde wahrnehmen.
Auch liegen in diesen ersten Stadien die Unterarmknochen hart aneinander, woher
wohl die Ansicht entstanden ist, dass ursprünglich beide Knochen nur eine Knorpel
masse bilden. So habe ich ferner bei älteren Embryonen einen schrittweisen Ueber-
gang in das Stadium III nachweisen können, dem Stadium, in welchem die proximale
Radiusepiphyse nach aussen von der Ulna gerückt ist, während die distale sich noch
innen befindet. Diese schrittweise radio-prae-axiale Verschiebung der Unterarmknochen,
welche somit auch ontogenetisch nachgewiesen werden kann, scheint mir im höchsten
Grade gegen die radio-post-axiale Torsionstheorie des Humerus zu sprechen, welche
für die embryonalen Winkelschwankungen die widersprechendsten Daten giebt. Dies
letztere Factum scheint nur erklärlich, wenn man bedenkt, dass die Epiphysen des
Humerus in jenen embryonalen Zuständen noch vollständig knorpelig sind. Bekanntlich
treten beim Menschen erst im Laufe des ersten Jahres die Ossificationscentren der distalen,
im Laufe des zweiten das Ossificationscentrum der proximalen Epiphyse des Humerus auf.
Auch muss ich bemerken, dass in embryonalen Stadien die Axe, welche man durch
das distale Gelenkende des Humerus legt, mit der Axe des proximalen Gelenkes
der Antibrachialknochen einen Winkel von solch’ verschiedenem Werthe bildet, dass
ich mich nicht getrauen würde, von den Axenschwankungen, die zwischen dem proxi
malen und distalen Ende des Humerus stattfinden, auch nur einen Schluss auf die
Stellung des Unterarmes zu ziehen. Dies thut aber die Torsionstheorie des Humerus,
indem sie den Unterarm passiv der distalen Humerusgelenkaxe folgen lässt. Wir
schliessen hiermit die erste Voruntersuchung, welche wir anstellen mussten, um über
den morphologischen Werth der Patella und ihres Homologon an der vorderen Ex
tremität eine nähere Einsicht zu erhalten. Diese Untersuchung über die Torsion des
Humerus hat uns für diesen Zweck folgenden wichtigen Factor geliefert. Wir
haben durch die radio-pne-axiale Verschiebung der Unterarmknochen die Homologie
der Flexoren des Unterarmes mit den Extensoren des Unterschenkels, die Homologie
der Extensoren des Unterarmes mit den Flexoren des Unterschenkels zu beweisen gesucht.
Wir wenden uns zur zweiten Voruntersuchung, zur phylo- und ontogenetischen
Entstehung der Patella. Die Anamnien zeigen keine Patellarbildung an der hinteren
Extremität. Unter den Reptilien fehlt sie den Cheloniern, Crocodilinen, sowie selbst

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