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gebenen Weise ausgeführt. Beim Vordringen nach der Fissura orbit, inf. zu stiess das Messer,
auf straffes Narbengewebe, welches fest mit dem Oberkiefer, dessen äussere’Wand Defekte früherer
Läsionen zeigt, verwachsen ist. Da die Blutung sehr heftig und das Narbengewebe das Erkennen
der einzelnen Theile sehr erschwert, gelingt es nicht, den Nerven aufzufinden. Desshalb und weil
der Verlauf des Narbengewebes das Eindringen der Kugel in das Antrum Highmori als wahr
scheinlich annehmen lässt, wird die temporäre Bisection des Oberkiefers vorgenommen. Zu diesem
Behuf wird ein Schnitt horizontal vom unteren linken Nasenloch aus in den zuerst angelegten ver-
ticalen Schnitt geführt, die vordere Wand des Oberkiefers oberhalb der Zahnreihe mit der Stich
säge getrennt, so dass man mit der Knochenscheere den Processus nasalis durchbeissen und unter
Lösung der hindernden Weichtheile den Lappen mit dem Knochen nach oben hin Umschlägen
konnte. Nachdem nun vergeblich mit den elektrischen Nadeln nach der Kugel gesucht war, wurde
der zweite Ast des Trigeminus in der Ausdehnung von über 1 Ctm. resecirt, die Wunde mit
Carbolsäure gereinigt, die beiden Lappen mit dem daran hängenden Knochen zurückgeschlagen
und, nach Einlegung eines Drainrohr’s, die ganze Wundfläche durch Näthe mit einander vereinigt.
Der Operationsbezirk wird sodann, nach Auflegung antiseptischen Verbandmaterials, mit einem
Compressionsverband versehen.
17. Januar. Patient, der in den ersten Tagen nach der Operation, sobald er nicht unter
der Einwirkung von Morphium stand, stets tobte und kaum im Bette zu halten war, dabei fort
während über die heftigsten Schmerzen im Kopfe klagte, ist heute bedeutend ruhiger geworden
und giebt selbst an, dass ein grosser Nachlass der Schmerzen zu verspüren sei. Die Schnittwunden
sind per prim, intent, vereinigt, so dass ein Theil der Käthe hat entfernt werden können. Da
ziemlich starke Schwellung und Empfindlichkeit des linken Auges sich zeigt, werden Warmwasser
umschläge verordnet.
2o. J. Patient hat sich ganz beruhigt; die Temperatur ist normal und die Wundränder
sind auch nach Entfernung sämmtlicher Näthe vereinigt geblieben.
b. März. Die Wunde ist ganz und sehr gut verheilt: weder die neuralgischen Schmerzen noch
die epileptiformen Anfälle sind wiedergekehrt; die früher so stark ausgeprägte psychische Depression
hat sich zu neuer Lebenshoffnung umgestaltet und wird Patient als völlig geheilt heute entlassen.
Indem ich meine Betrachtungen über die Prosopalgie und das bei ihr angewandte Heil
verfahren der Neurectomie hiermit schliesse, glaube ich im Laufe der Abhandlung hinreichend über
zeugende Beweise dafür geliefert zu haben, dass dieser chirurgische Eingriff in seiner jetzigen voll
kommenen technischen und wissenschaftlichen Ausbildung nicht allein eine hohe Bedeutung für den
praktischen Arzt, sondern dass er auch wissenschaftliche Berechtigung besitzt. Es konnte im Ver
lauf der Abhandlung nicht verborgen bleiben, dass noch viele dunkle, unaufgeklärte Punkte in
diesem Oebiete vorhanden sind, welche, wenn sie völlig aufgeklärt auf das Wesen der Neuralgien
und der dabei in den Nerven vor sich gehenden Veränderungen ein helleres Licht werfen sollen,
noch zu eifrigen Beobachtungen und Studien auffordern. Ist dann das eigentliche Wesen der neu
ralgischen Leiden zu klarer Erkenntniss gelangt, dann ist vielleicht für unsre Methode die Zeit
gekommen, wo „der bewaffnete. Kriegsangriff auf das kranke Nervensystem mit dem Messer“ fort
fallen, wo die Nervensectionen keine Stelle in der Chirurgie mehr einnehmen werden. Bis dieses
Ziel aber erreicht ist; bis ferner für das zur klaren Erkenntniss gelangte Wesen der Neuralgie
auch eine neue, stricte Heilmethode aufgefünden worden ist; bis dahin gebührt der Neurectomie
ein würdiger Platz in der Chirurgie und eine bleibende Stätte unter denjenigen Mitteln, welche
es vermögen, der leidenden Menschheit eine ihrer grössten Plagen zu nehmen und fernzuhalten.

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