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befindet sieh eine 3,2 Ctm. lange, am oberen Ende eingezogene Narbe; an dieser Stelle fühlt man
einen dreieckigen, mit der Spitze nach unten gewendeten, an der Basis c. 1 Ctm. breiten Knochen-
defekt. Druck auf die. Narbe und überhaupt auf die Gegend des ganzen Jochbeins ist schmerz
haft; ebenfalls ist die Austrittsstelle des N. infraorbitalis druckempfindlich. Beim Kauen harter
Speisen empfindet Patient an den zwei Schneidezähnen, dem Eckzahn und den zwei vorderen
Backenzähnen der linken Oberkieferhälfte nach oben hin ausstrahlende Schmerzen, wesshalb Patient
sich gewöhnt hat, nur mit der rechten Kieferhälfte zu kauen. Oberhalb der erwähnten schmerz
haften Stellen, im höchsten Theile des Vestibulum oris findet sich eine harte, auf Druck seht
schmerzhafte Hervorragung. Von dieser aus, nach der Schläfe hinziehend, wird dem Kranken per
manent ein dumpfer Schmerz verursacht, der sich bei starkem Arbeiten zu den heftigsten, reissenden
Schmerzäusserungen steigert. Während seines bisherigen Aufenthaltes in dem hiesigen Hospital,
also während 18 Tagen, hat Patient zweimal seine erwähnten Anfälle durchgemacht und befindet
sich derselbe, bei körperlichem Wohlsein, im Zustande starker psychischer Depression.
Diagnose: Fassen wir das ganze Bild, welches der Kranke darbietet, zusammen; beachten
wir den fortwährenden, dumpfen Schmerz in der Narbengegend, der sich bei Anstrengungen des
Körper’s, also bei Congestionen zum Kopfe, zu den heftigsten Schmerzattaquen culminirt, so lassen
diese Erscheinungen auf einen starken Reizzustand, auf eine vielleicht durch den Druck der
Narbengewebes und die in Folge dessen sich entwickelnde Neuritis hervorgerufene — chronische
Neuralgie im Gebiet des zweiten Trigeminusastes mit grosser Sicherheit schliessen. Die
später eingetretenen epileptiformen Anfälle lassen sich sehr wohl auf die fortwährende Reizung
der vielleicht noch vorhandenen Kugel — über deren Verbleib Patient nichts anzugeben weiss und
zu deren Aufsuchung bisher keine Schritte gethan sind — zurückführen, da lang anhaltende peri
pherische Nervenreize ja oftmals eine Epilepsie hervorrufen. Es liesse sich jedoch auch die Air
sicht vertheidigen, dass durch den fortdauernden Reiz an einer Stelle der Nervenbahn des N. supra-
maxillaris diese Reizung sich allmählich weiter centripetal fortgepflanzt und cerebrale Organe in
Mitleidenschaft oder in krankhafte Erregbarkeit versetzt hätte, durch welche die epileptiformen
Anfälle nun ausgelöst würden. Nach letzterer Ansicht könnte man dann diesen Fall zu den von
Trousseau beschriebenen Formen der Neuralgia epileptiformis zählen, welche Theilerscheinungen einer
wahren Epilepsie darbieten sollen. — Was endlich die Schmerzen an den Zähnen betrifft, so werden
dieselben, da die Zähne mit ihren Wurzeln bis an jene, oben erwähnte, Hervorragung hinanreichen,
durch den auf die oberen Zahnenden und somit auf periphere Nervenverzweigungen des zweiten
Trigeminusastes fortgepflanzten Druck beim Kauen erregt.
Therapie: Von diesen Voraussetzungen wohl ausgehend und bei der ziemlich gewissen
Voraussicht, dass sowohl die Epilepsie bei Häufung der Anfälle zu einer habituellen sich gestalten,
als auch die Neuralgia Trigemini sich ohne Entfernung der hier klar vorliegenden ReizungsuiSachen
an Intensität steigern würde, die Operation an sich aber weder grosse Gefahren für den Patienten
noch Aussicht auf bedeutende Gesichtsentstellung, dagegen nach Entfernung der Reizmomente mit
einem Schlage Aussicht auf Heilung der Epilepsie und der Neuralgie biete; so entschloss sich der
Geheime-Rath Professor Dr. Esmarch, zuerst die Kugel aufzusuchen und sodann die Resection des
N. maxill. sup. vorzunehmen.
Am 11. Januar wurde der Versuch gemacht, mit dem Liebreich’sehen Apparat ver
mittelst elektrischer Nadeln die Kugel aufzufinden. Patient war dabei jedoch so unruhig, dass
von diesem Verfahren abgestanden werden musste. Offenbar liegt eine starke Hyperästhesie der
rings um die Narbe herumgelegenen Theile vor.
Am 14. J. wurde in guter Chloroform - Narkose die Neurectomie in der von Lücke ange-
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