Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1875 (Band XXII.)

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scheinungen hervor, sei es dass sie durch Druck auf Nerven Neuritis und die Symptome 
der Neuralgie hervorrufen, sei es, dass sie unter Umständen auch jene secundären 
Störungen der Knochenhüllen veranlassen, die für die centrale Necrose und den 
Knochenabscess charakteristisch sind. — Kommt der Kranke mit letzteren Erscheinungen, 
die schon oben eine eingehendere Beschreibung gefunden haben, zur klinischen Be 
obachtung (und wohl nur in diesem Zustande wird er sich veranlasst sehen, ärztliche 
Hülfe in Anspruch zu nehmen) so entsteht vor Allem die Frage: Haben wir es mit 
einer primären eitrigen Periostitis zu thun oder mit einer innern Knochenerkrankung? 
Die Beantwortung dieser Frage würde wohl nur mit Hülfe der Anamnese möglich 
sein. Bei der primären acuten Periostitis pflegen sich in kurzen Zwischenräumen 
heftigere Anfälle zu wiederholen, ein schon längere Zeit bestehendes Leiden mit zeit 
weiligen Exacerbationen und vollständig freien Intervallen würde dagegen mehr auf 
Knochenabscess oder Necrose hindeuten. Die acute Osteomyelitis, die in neuerer Zeit 
von Chassaignac, Klose, Demme u. A. eingehend studirt ist, zeigt als charakteristisches 
Bild die selten fehlende Gelenksaffection und meist die Epiphysentrennung! Allerdings 
tritt letztere oft spät oder garnicht ein und die Functionsstörung des Gliedes durch 
secundäre Gelenksentzündung gehört auch zuweilen zu den Begleiterscheinungen des 
Abscesses und der Necrose, so dass man wieder zur Anamnese seine Zuflucht nehmen 
müsste. — Auch die Caries, bei der oft längere Zeit Ostitis, Periostitis oder Osteo 
myelitis dem Durchbruch des Eiters vorangehen, kann in diesem Stadium zur Ver 
wechselung Veranlassung geben. — Schliesslich könnte man noch in die Lage kommen, 
primäre entzündliche Vorgänge in den Weichtheilen durch eine eingehendere Unter 
suchung und Anamnese ausschliessen zu müssen. 
Resumiren wir die Ergebnisse dieser Betrachtungen in Kürze, so geht aus 
ihnen die schon am Eingänge dieser Arbeit erwähnte Thatsache hervor, dass die 
Diagnose der völlD eingekapselten Necrose und Abscesse des Knochens zu den 
schwierigsten Aufgaben gehört, welche die Praxis dem Arzte stellt. So charakteristisch die 
Symptome auch oftmals sind, so kommt man auch im günstigsten Falle doch nie 
über die Grenze blosser Muthmassung hinaus. Glücklicherweise ist die Incision mit 
Freileguno- des Knochens und Anbohrung desselben mit einem feinen Bohrer ein so 
wenitr o-efährlicher Eingriff, dass man in zweifelhaften Fällen berechtigt ist, sich die 
selben zu erlauben. Selbst Fälle, in denen man mit einem Trepan den Knochen 
durchbohrte und statt Eiter nur sclerosirtes Gewebe traf, (Stromeyer, Bryant) hatten 
einen günstigen Verlauf. 
Die Prognose des Leidens ist nicht gerade ungünstig zu stellen. Natürlich 
darf nur von einem operativen Eingriff Erfolg erwartet werden. Naturheilung durch 
Resorption des Sequesters oder des Eiters ist durchaus auszuschliessen. Die Hoff- 
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