Wenn wir also, wie früher erörtert, unter der Scrophulose eine Constitutions
anomalie, eine bestimmte Prädisposition oder Diathese zu verstehen haben, welche
auf leichte Reizungen hin den Organismus mit entzündlichen oder hyperplastischen
Processen antworten lässt, die sich wiederum durch ihre Dauerhaftigkeit und die
Neigungung zur Verkäsung auszeichnen, so ist nun noch hinzuzufügen, dass diese Con
stitution in sich die Bedingungen zur 1 uberculose trägt. Und zwar kann dies auf
zweierlei Weise zu Stande kommen. Einmal kann man sich denken, dass diese
pathologische Constitution an und für sich schon die Ursache der Tuberkelentwicklung
ist, wie man ja früher allgemein zur Erzeugung der 1 uberculose eine besondere Dis
position voraussetzte und wie ja Htm, neben der durch Infection entstehenden secun-
dären Miliartuberculo.se noch daneben eine primäre tuberculöse Entzündung auf Grund
einer besonderen Constitution annimmt. u; ) Will man aber die Entstehung der Tuberkel
ganz aut die Resorption von Bestandtheilen aus käsigen Massen zurückführen, so muss
man andrerseits annehmen, dass nicht die Constitution an sich, sondern die in Folge
derselben entstandene Krankheit das ursächliche Moment ist,' also nicht die scrophulose
Constitution, sondern erst die schon vorhandene Scrophulose mit ihren käsigen Pro-
ducten die Tubercnlose bedingt. lß )
Doch sei dem wie es wolle, jedenfalls zeigen uns die erwähnten Thatsachen,
dass die Scrophulose in ganz besonderer Weise die Basis der Tnberculose bildet,
und wenn wir uns nun weiter fragen, wie diese scrophulose Constitution entsteht, so
sind es bekanntlich zwei Factoren, welche hier in Betracht kommen, die Erwerbung
und die Ererbung.
Und in der That, die täglich sich wiederholende Beobachtung, dass schlechte
Luft und Wohnung, unzweckmässige Nahrung und mangelhafte Reinigung namentlich
im jugendlichen Alter eine Hauptsache zur Entstehung scrophulöser Erkrankungen
sind, verträgt sich sehr wohl mit der Annahme , dass eben dadurch besagte Consti
tution veranlasst werde, also ein im übrigen relativ gesundes Individuum dieselbe er
werben könne. Denn wenn man bedenkt, dass der kindliche Organismus eine ganz
besonders productive Thätigkeit in allen Geweben besitzt und bis zu seinem vollen
deten Wachsthum gewissermassen etwas noch nicht Vollendetes, erst noch im Werden Be
griffenes darstellt, so liegt es auf der Hand, dass wenn seine Entwicklung unter für
ihn ungünstigen Umständen stattfindet, wie diese ja in einer durch den Aufenthalt
vieler Menschen verdorbenen und frischer Zufuhr ermangelnden Luft, sowie einer ein
seitigen, den zur Verdauung und Ernährung nothwendigen physiologischen Bedingungen
wenig angepassten Nahrung dargeboten werden, leicht ein mangelhafter Zustand im
ll ) Waldenburg, die ruberculose die Lungenswindsuchtund Scrophulose. Berlin 1869. S. 311.

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