Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1875 (Band XXII.)

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ohne bedenkliche Zufälle hervorzurufen, völlige Genesung zur Folge haben kann; 
demnach dürfte dieser Einwurf keine Contraindication der Paracentese abgeben. 
Was die Furcht vor einer Verletzung des Herzmuskels betrifft, so hat diese 
lange Zeit die entschlossensten Männer vor der Punktion des Herzbeutels zurück 
geschreckt. Die früher allgemein angenommene Ansicht, dass Herzwunden absolut 
tödtlich seien, ist jedoch schon seit Anfang des vorigen Jahrhunderts als ein über 
wundener Standpunkt zu betrachten. 
Erfahrungen aus den letzten Kriegen wie physiologische Experimente der 
Neuzeit ergeben vielmehr, dass leichte Verwundungen an den dicken Partien des 
Herzmuskels garnicht eine so grosse Gefahr bedingen. Ausser den von Georg Eischer 
gesammelten Fällen dürfte unter andern neueren Datums der die Pleilung mehrfacher 
Stichwunden des Herzens bestätigende Obductionsbericht von Dr. Stich (Deutsches 
Archiv für klinisch. Medicin 74) uns zu der Erkenntniss bringen, dass eine Ver 
letzung des Herzens, die bei der nöthigen Vorsicht und Geschicklichkeit auch ge 
wiss kann vermieden werden, uns nicht vor einem operativen Eingriff bei perikar 
ditischen Exsudat zurückzuschrecken braucht. 
Wenn der Vorschlag Scarle’s, durch direkte Punktion der Ventrikel mittelst 
Akupunktur-Nadeln bei der Cholera therapeutisch einzugreifen, gewiss noch gewagt 
erscheinen wird, so zeigt doch früher erwähnter unglücklicher Fall von Pouchut. 
dass selbt eine direkte Punktion des Herzens nicht mit einer absolut tödtlichen 
Gefahr verknüpft ist. Um einer solchen unangenehmen Eventualität vorzubeugen, 
dürfte es demnach wenigstens bei noch wohl genährten Patienten, rathsam sein, 
der Punktion einen Schnitt durch Haut und Muskelschicht voraus gehen zu lassen, 
um bei Führung des Troikars dem Gefühl des überwundenen Wiederstandes als 
dem Zeitpunkt des Eingedrungenseins ins Perikard leichter und schnell gerecht werden 
zu können, wenn man nicht der Punktion ein, dem meines Vaters ähnliches, Opera 
tionsverfahren vorziehen will. Wenn gesammeltes Material auch noch nicht hin 
reichen mag, um der Feststellung der Indikationen zum operativen Einschreiten in 
dem vollen Umfange wie bei anderen serösen Höhlen gerecht zu werden, so sehen 
wir doch bei den verschiedenartigsten Formen perikardialer Ergüsse die Operation 
wiederholt mit glücklichem Erfolge, stets mitErleichterung des beängstigenden Zustan 
des und vorüber gehender Euphori ausgeführt selbst in Fällen, wo ohne operativen 
Eingriff.wohl sicher binnen kurzer Zeit der Tod eingetreten wäre. Die Bemerkungen 
von Professor Billroth (loc. cit.): »Nach den Operationen trat zuweilen nur wenig 
Erleichterung und dann bald der Tod ein, in sehr wenigen Fällen kam der Patient 
mit dem Leben davon selbst in Fällen, in welchen Luft ins Perikardium eingedrungen 
war, die sich dann später resorbirte,« finden wir bei keinen Fall in der Litteratur 
bestätigt; in den Fällen, wo nach der Operation keine erhebliche Erleichterung und 
der Tod eintrat, bestätigte die Obduktion anderweitige pathologische Befunde, die 
den bestimmt zu erwartenden Erfolg trübten. Die so grosse und schnell eintretende 
Erleichterung nach Entleerung des gefüllten Herzbeutels dürfte uns ein anatomisches 
Lageverhältniss des Herzbeutels zur obern Hohlader erklärlich machen, auf welches 
schon Luschka aufmerksam macht. Es bildet nämlich zwischen dem rechten Umfang
	        

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