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Harmonie. Der Bau des Himmels mit seinen kreisenden Gestirnen ist der reinste
Ausdruck solcher erhabenen Schönheit; der Mythos hat für die Idee der überwältigenden
Schönheit des Himmels-Gewölbes eine besondre Personification geschaffen, Aphrodite
Urania; noch heut empfinden wir in dem erhabnen Götterantlitz der Venus von
Milo, die eben eine in den Himmel hinein sich spiegelnde Venus Urania ist, die Macht
dieses Eindrucks. In der vollendeten Harmonie des Himmels und der Erde hat jeder
Gott seine Sphäre und sein Amt; über allen waltet Zeus, der den Menschen seine
Rathschlüsse durch Apollon mittheilt. In eben dieser Unterordnung jedes Wesens
unter höheren Willen besteht die Idee einer absoluten Sittlichkeit. Unter diesen
Voraussetzungen war auch dem Menschen seine Stellung gegeben. Das ungebändigte,
himmelanstrebende Treiben der Heroen war vorüber; der Mensch hatte seine festen,
unabänderlichen Schranken. Er hat nunmehr vor Allem Maafs zu halten, sich in den
gegebenen Pflichten und Rechten zu bescheiden, und seinen Platz im Staatsleben nach
Kräften auszufüllen. Wenn er diesen Vorschriften Polge leistend nicht nach zu Hohem
strebt, dann schützen ihn die Götter vor der Macht des Schicksals, der Mog>«, welche
hoch immer nicht ganz aus dieser Weltordnung verbannt, aber sehr eingeschränkt war.
Diese Grund-Ideen sind es, welche sich in den Jahrhunderten nach Homer entwickelt
hatten, und die nun bei der mächtigen Erhebung der Perserkriege einen neuen Auf
schwung nahmen. Denn die wunderbare Thatsache, dass eine Handvoll Griechen die
I ruppenmafsen eines ganzen Welttheils dreimal aufs Haupt geschlagen hatte, fand
am Schönsten ihre Erklärung darin, dafs auf Seiten der Barbaren eben dieses harmo
nische bewusste Ineinandergreifen aller Einzelkräfte gänzlich gefehlt hatte, das die
Hellenen so stark machte. Wie Zeus, der Gott der Welt-Ordnung, die tumultuarische
Titanen - Herrschaft gestürzt hatte, so war es den Hellenen als den Bürgern eines
Kosmos gelungen, die Barbaren zurückzuschlagen. Dieser Vergleich schwebte damals,
wie die Kunstdenkmäler jener Zeit zahlreich Titanenkämpfe darstellend deutlich be
weisen, allen Gemüthern vor.
Diese religiösen, man kann schon fast sagen religionsphilosophischen, An
schauungen hatten Aeschylus und Pindar in ihre empfänglichen Seelen voll und rein
aufgenommen und von denselben ist ihre ganze Dichtung durchweht. Es ist ein
Grundgedanke der durch all ihr Dichten und Denken hindurchklingt: »Mensch,
trachte nicht nach zu Hohem, suche vielmehr Deine Ideale in den gegebenen Ver-
hältnifsen, in den allernächsten Aufgaben des Lebens, in treuer Pflichterfüllung.«
Miefs ist die immer wiederkehrende Mahnung der Tragödie, welche namentlich der
Chor vertritt, den Heroen gegenüber; diefs ist die Grundstimmung in Pindar’s un
sterblichen Sieg-esliedern. Allein mit wunderbarem Reichthum ist auch dieser ein-
fach tiefe Grundgedanke von Beiden noch ausgeschmückt und erweitert worden.
Eine köstliche Fortspinnung dieses Ausgangspunktes ist z. B. der Aeschyleische
Prometheus mit folgender Idee: Zeus der Titanensieger betrachtet mit Wohlgefallen

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