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Felde mit Interesse folgte, freilich mehr geniefsend, mehr um der nöthigen Emotion
willen, als aus ernstem Interesse.
Es waren besonders zwei Philosophische Richtungen, die damals in den ge
bildeten Kreisen von Syrakus Aufnahme gefunden hatten; es gehörte, wie wir aus
Epicharm’s Bruchstücken entnehmen, zum guten 1 on, mit denselben bekannt zu sein
und für eine derselben zu schwärmen. Die Eine war bereits von älterem Datum;
sie schlofs sich an die Philosophie des Xenophanes, der etwa um 540 blühte und
aus Kolophon in Kleinasien nach Velia in Unteritalien gekommen war, und Stifter der
philosophischen Schule der Eleaten wurde. Er lehrte, dass, obschon ja die Er
scheinungs-Welt, die wir mit den Sinnen wahrnehmen, in stetem Wechsel begriffen
ist, dennoch dieser absoluten Veränderlichkeit ein Bleibendes, Beharrendes, dei Viel
heit eine Einheit zu Grund liege: »das Sein«. Jedes Ding, wenn es auch immeihin
dem Wechsel unterliegt, ist doch; dieses Sein ist bei allen Dingen dasselbe; es ist
nicht identisch mit den veränderlichen Quantitäten und Qualitäten, es ist etwas füi
sich und ist das Aller-Realste.
Mit dieser Philosophie des Xenophanes trat vielfach in Widerspruch die einer
etwas jüngeren Zeit, eben derjenigen, von welcher wir reden, angehörende des
Herakut von Ephesos. Sein tiefsinnig gedanken-reiches Werk: »von der Natui «
war eben damals in Sicilien als neue Erscheinung bekannt geworden. Das Werk
war sehr schwierig und dunkel geschrieben. Sokrates urtheilte später über dasselbe:
es bedürfe eines Tauchers von Delos, um sich in dasselbe zu versenken. Gleichwohl
erregte dasselbe in Syrakus Aufsehen und gerade die Dilettanten entwickelten für
die nur äusserlich ergriffene, neue Weisheit das lebhafteste BegeisterungsT euer.
Herakut lehrte, dass alle Dinge in stetem ununterbrochenen Fluss begriffen seien;
man könne nicht zweimal in denselben Strom hinabsteigen; alle sinnlichen Dinge sind
nach ihm nur Verdichtungen aus feurigen Gasen. Von der Sonne behauptete er, sie
erneuere sich täglich. Ebenso lehrte er, dass unsre Seele sich täglich neu entzünde.
Der Tod sei ein letztes Erlöschen und dann lolge ewige Nacht. Für uns Menschen
bleibe Nichts übrig, als dass man versuche, sich in diesen unabänderlichen Wechsel
mit voller Resignation hinein zu empfinden; ein Bleibendes gebe es mit Nichten.
Diese von Herakut in strenger, ernster Speculation vorgeführte Weltanschauung, die
eine tiefmelancholische Betrachtung der Dinge und absolute Resignation zur Consequenz
hat, übte dennoch einen gewissen Reiz auf die schöngeistig gestimmten Kreise von
Syrakus aus. Menschen, die der Genufssucht huldigen, leisten einer Philosophie,
welche die Vernichtung mit dem I ode predigt, selten grossen Widerstand.
Wir mögen uns mit Vergnügen die lebhaften Debatten Syrakusanischer Gour
mands über die Vorzüge der Xenophanischen oder Heräklitischen Philosophie aus
malen. Epicharm hatte mit köstlichem Humor auch diese Seite der damaligen Cultur
in einer seiner Komödien, deren Titel leider verloren ist, einer travestirenden Kritik

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