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Pracht, Tempel strebten empor, Palast reihte sich an Palast. Gelon war eine sehr
aristokratische Natur, er mochte in seiner Reichshauptstadt Nichts plebejisches sehen;
er verpflanzte aus diesem Grunde die reichsten und vornehmsten Bürger der Nach
barstädte nach Syrakus, verwies aber das niedere und arme Volk. Den Sinn der
Bevölkerung aber umstrickte mehr und mehr die süfse Gewohnheit des Genufses.
Ursprünglich sind die Syrakusaner Dorier, Stammesgenossen der Spartaner; aber wie
weit waren sie von der alten Sitten-Einfalt abgefallen! Im Vordergrund standen die
Genüfse des Tafelluxus. Man beschäftigte sich mit der Kochkunst mit einem solchen
Ernst, als gälte es die Lösung philosophischer Probleme. Sicilien ist die Wiege der
Kochbücher geworden. Die beliebtesten Leckereien sind die unendlich verschieden
artigen Seefische, mit den noch verschiedenartigeren Saucen. Ein anmuthig geschrie-
nes, in poetischer Form abgefasstes Kochbuch, die Leckerei-Kunst, Eledypatheia, des
Archestratus, aus etwas späterer Zeit, beschreibt eine gastronomische Reise um
die Welt.
Wir lernen das Syrakusische Leben am Besten aus der Komödie des Epicharm
kennen, eines Dichters, der zu Hieron’s Musenfreunden gehört. Seine Dichtungen
spiegeln die gesättigte und glatte Weltweisheit, welche damals der Ion der herr
schenden Bildung war. Epicharm ist in sehr hohem Grade geistreich; er ist, was
seine Naturphilosophie betrifft, Pythagorischer Philosoph; den Glauben an die alten
Volksgötter hat er längst abgethan; Feuer, Luft, Wasser, Erde die Natur-Elemente
sind seine Götter. Ein sehr bekannter und beliebter Ausspruch von ihm ist der
Vers: »Lebensnerv der Weisheit ist es, nüchtern und ungläubig sein.« Ein 1 aar
Proben mögen den Charakter seiner Komödie veranschaulichen. Ein gepriesenes
Stück war betitelt: Here’s Hochzeit (mit Herakles). Es war dargestellt, wie bei
Anlafs dieses Hochzeitsfestes, dessen Bräutigam Herakles Urbild eines tüchtigen
Schmausers ist, nunmehr die Gourmandise auch an des Zeus Hofe Eingang gefunden
habe. Lange Speisezettel werden mit ernsthafter Miene herdeklamirt. Zeus macht
Bestellung auf einen exquisiten Fisch für sich und Hera. Die Musen haben in ihrer
Eigenschaft als Schützerinnen der Künste an diesem Hofe nichts mehr zu thun, sie
sind daher aus dem Amt von Göttinnen der Dichtung wieder in den Stand zurück
gekehrt, den sie ursprünglich hatten: sie waren bekanntlich, ehe sie den schönen
Künsten vorstanden, einfache Quell-Nymphen gewesen. Quellen mit schattigen Hainen
sind ja die ältesten Stätten der Natur-Begeisterung. Jetzt also werden sie wieder
Quell-Nymphen fischreicher Ströme und verkaufen Fische. Aehnlich ist es dem Meer
gott Poseidon ergangen, der das einträgliche Gewerbe eines Fischhändlers ergriffen
hat. So wird von Epicharm die Schwäche seiner Mitbürger für Leckereien des
Gaumens gegeifselt. Allein man trieb in Syrakus nicht nur Feinschmeckerei auf dem
Gebiet der Küche, sondern auch auf dem der Litteratur. Es gab in Syrakus ein
schöngeistig angeregtes Publikum, welches den neusten Erscheinungen auf diesem

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