Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

Dieselben Erscheinungen wiederholten sich Ende December und Januar; und nahm der 
vorerwähnte Tumor, hauptsächlich während der Perioden der heftigeren Schmerzen, beträchtlich au 
Volumen zu, so dass derselbe Ende Januar die Grösse eines Kindskoptes erreicht hatte. 
Der behandelnde Arzt stellte die Diagnose auf Hymen imperporatum, drang aber noch 
nicht auf eine Operation, weil er der Meinung war, dass dieselbe leichter ausführbar sein werde, 
wenn das Hymen durch die Blutansammlung prall gespannt sei. In den ersteu lagen des Februars 
begleitete er die Patientin nach Kiel und stellte sie dem Professor Esmarch vor. 
Status praesens: Patientin ist mehr untersetzter Statur, brünett und der ganze Körper 
leicht gelb pigmentirt. Mammae und Tubus sind normal entwickelt. 
Die Untersuchung ergab folgendes Resultat: Die Vagina war kaum 4 Ctm. lang und ver 
engte sich in ihrem oberen Theile beträchtlich. Bei Einführung eines Fingers in das Rectum und 
eines der andern Hand in die Scheide fühlte man vom Rectum aus den vorhergenannten Tumor in 
der Höhe von circa fünf Centimetern oberhalb des Anus. Man fühlt ferner, dass dieser Tumoi von 
dem in die Vagina eingeführten Finger durch eine derbe Masse von mindestens 1,5 Centimeter ge 
trennt wird. Ausserdem fühlt man bei der Palpation des Abdomen sowohl rechts wie links, eben 
oberhalb der Symphyse hervorragend, einen Tumor, dessen Umfang bei der grossen Empfindlichkeit 
der Patientin nicht genau zu constatiren ist. Die Labia majora und minora und die Urethra 
sind normal. 
lieber die Diagnose: Artresia vaginae sup. mit consecutiver Haematometra konnte kein 
Zweifel mehr obwalten, wenn man die Anamnese mit in Betracht zieht; und die eben hinter der 
Symphyse zu fühlenden Tumoren Hessen fürchten, dass sich Blutsäcke in den Tuben gebildet hatten. 
Die heftigen Schmerzen hatten seit einigen Tagen nachgelassen und erschien der Zeitpunkt für die 
Operation günstig. 
7ter Februar. Operation: Patientin wird cbloroformirt und in die Steinschnittlage 
gebracht. Ein Katheter wird in die Blase eingeführt und von einem Assistensen so gehalten, dass 
die hintere Blasenwand leicht berührt wird; so dass die Nähe der scharfen Instrumente von dem 
selben leicht wahrgenommen werden kann. Die Schamlippen werden durch jederseits eingesetzte 
Gorgerets zurückgehalten und ausserdem verschiedene kleine Häkchen dicht oberhalb des Hymens 
eingesetzt und die zu trennende Membran möglichst weit hervorgezogen und gespannt. Hierdurch 
wurde es dem Operateur möglich, das Operationsfeld zu sehen. Nun wurde gegen den Punkt hin, 
wo man die Fluctuation am deutlichsten fühlte, mit seichten Messerschnitten vorgerückt, indem zu 
gleicher Zeit die Doppelhäkchen immer mehr in die Tiefe eingesetzt wurden, um die zu tiennende 
Schicht zu spannen. Die Blutung war nicht sehr stark, so dass das Operationsfeld gut rein gehalten 
werden konnte. Wo das Gewebe weniger derb war, wurde mit dem Scalpellstiel und anderen 
stumpfen Instrumenten vorzudringen gesucht. Als man auf diese Art etwas mehr als einen Centi 
meter in die Tiefe vorgedrungen, wurde die Fluctuation deutlicher. Jetzt wurde ein feiner Explo- 
rativ-Troicart soweit eingestossen, bis die freie Beweglichkeit des vorderen Endes anzeigte, dass 
dasselbe sich in einer Höhle befand. Nach dem Herausziehen des Dorns entleerten sich nur einige 
Tropfen zähen, dunklen Blutes aus der Kanüle. Letztere wurde nun als Leitungssonde benutzt 
und an derselben entlang weiter vorgedrungen, bis zuletzt eine grössere Menge zähflüssigen, choco- 
ladenfarbigen Blutes neben der Kanüle zum Vorschein kam. Nun wurde die letztere herausgezogen 
und mit Hülfe einer biegsamen Sonde eine dickere Kanüle von 3 Millimeter Durchmesser einge 
führt, über deren Ausflussende ein Stück Schafsdarm gezogen war. Durch dieselbe floss langsam 
das zähe dunkle Blut ab, so dass im Ganzen ca. 150 Cubic-Oentimeter während der Operation 
entleert wurden.
	        

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