Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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Nach Erfahrungen, wie sie hier auf der Klinik gemacht sind, kann eine solche Spontan 
heilung des Strabismus convergens auch auf anderm Wege zu Stande kommen. Schon an früherer 
Stelle habe ich erwähnt, dass Sclerotico-Chorioideitis posterior bei Hypermetropie auch hei uns 
kein seltener Befund ist. 
Die daraus resultirende Zunahme der Sehachsenlänge bedingt eine Vermehrung der Re 
fraction. Letztere rückt wieder das gesammte Accommodationsgebiet dem Auge näher und geschieht 
dies in ausreichendem Maasse, so kommt in solchen Fällen zugleich mit dem Bedürfnisse, den 
früher erforderlichen grösseren Äccommodationsaufwand durch relativ zu hohe Convergenz zu er 
möglichen, auch der zuvor bestehende Strabismus convergenz oft selbst in Wegfall — vorausgesetzt 
natürlich, dass der m. rectus internus noch nicht durch consecutive Structurveränderung unnachgiebig 
geworden ist. 
Die Berechtigung zu dieser Behauptung nehme ich aus einer Reihe von Beobachtungen, 
wo bei Emmetropie die Augenspiegeluntersuchung eine durch Sclerotico-Chorioideitis posterior er 
worbene Verlängerung der Sehachse deutlich nachwies und entweder bei normaler Stellung der 
Sehlinien die Angabe gemacht wurde, dass früher Einwärtsschielen bestanden habe, oder -- und 
diese Fälle finden sich häufiger — wo bei gleicher Refraction und demselben ophthalmoskopischen 
Refunde Strabismus divergens bestand, der sich als Folge einer früher vorgenommenen Tenotomie 
des rectus internus entwickelt hatte. In der Mehrzahl dieser Fälle war die Strabotomie von nam 
haften Ophthalmologen, ein Theil von A. v. Graefe selbst, also sicher mit allen Cautelen voll 
zogen worden. 
Schliesslich füge ich hinzu, dass das secundär abgewichene Auge auch meist amblyopisch 
war und bei vorhandener Anisometropie die geringere Refraction besass. 
Die zahlreichen und oft überraschenden Resultate, welche auf unserer Klinik durch Ver 
ordnung von corrigirenden Convexgläsern bei Strabismus convergens erzielt wurden, befestigten in 
uns die Ueberzeugung von der wirklichen Existenz eines solchen Modus der Spontanheilung, wie 
ich ihn oben beschrieben. Denn ob wir die Hypermetropie, welche die Entwicklung des Schielens 
veranlasst und dasselbe unterhält, durch Gläser neutralisiren oder ob die Correction spontan durch 
Verlängerung der Sehachse zu Stande kommt, — in beiden Fällen muss derselbe Effect, ein Nach 
ass in der jetzt unzweckmässig gewordenen erhöhten Muskelverkürzung eintreten. 
Eine kurze Recapitulation dessen, was sich als Resultat aus den oben mitgetheilten Beob 
achtungen und Untersuchungen ergeben, sagt Folgendes: 
1) Das eine Moment, die Accommodation kann, mit völligem Ausschluss der Convergenz, 
die Entwicklung eines Staphyloma posticum resp. einer Myopie bedingen. 
2) Ist der gemeinschaftliche Sehact aus irgend einer Ursache aufgehoben, so kann auf dem 
ausgeschlossenen Auge die Synergie der Accommodationsbewegungen nachlassen oder 
gänzlich aufhören. Entwickelt sich in solchen Fällen Sclerotico-Chorioideitis posterior, 
so befällt sie allein das für die Nähe benutzte Auge, während das ausgeschlossene ver 
schont bleibt.
	        

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