Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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linke Auge schon auf 16 Ctm. Entfernung in leichte Schwankungen — auf 12 Ctm. weicht dasselbe 
weit nach aussen ab. 
Als AVerth für die facultative Divergenz finde ich ein Prisma 12°. 
Das rechte Auge liesst Jäger No. 1, das linke erst No. 4 mangelhaft. 
Lässt man den Patienten gewöhnliche Druckschrift lesen, in einer Entfernung, die geringer 
ist, als der Abstand des Fernpunktes vom linken Auge, aber gross genug, dass noch eine annulierend 
richtige Einstellung beider Sehachsen erfolgt, und verdeckt man schnell das rechte Auge, so stockt 
er, um erst nach einiger Zeit mühevoll die einzelnen Worte zu entziffern. 
Meine Voraussetzung traf also wiederum zu, doch konnte ich auch hier mit diesem immer 
hin ungenauen Resultate mich nicht zufrieden geben. 
Zum Zweck einer exacteren Untersuchung gelang es mir nicht, mit den bei Dr. Bremer 
gewählten Methoden zum Ziele zu kommen; einestheils weil ich dabei dem Fixirobjecte eine zu 
geringe Entfernung geben musste, als dass ich die uöthige Convergenz hätte erhalten können, anderen- 
theils weil in diesem Falle ein, wenn auch unvollkommenes stereoskopisches Sehen nicht zu erzielen 
war. Ich schlug deshalb einen anderen Weg ein und suchte bei dem Augenspiegel Hülfe; und zwar 
fasste ich dabei auf der aus optischen Gründen sich leicht ergebenden Thatsache, dass bei der 
Untersuchung im umgekehrten Bilde letzteres bei der mit der Accommodation eintretenden Erhöhung 
der Refraction seinen Ort verändern, der vor das Auge gehaltenen Linse sich nähern müsse. 
Nun besitze ich bei einer Myopie von fast Vs.nur ein sehr kleines Accommodationsgebiet, 
bin also sehr wohl im Stande, selbst geringe Ortsveränderungen des vor der Convexlinse entworfenen 
Bildes wahrzunehmen. Uebrigens beträgt nach einer leichten Rechnung bei der Accomodation vom 
Fernpunkte her - vorausgesetzt, derselbe liege in Unendlich - bis auf 5 Zoll der Ausschlag schon 
einen ganzen Zoll bei der Verwendung einer Linse + 2%. - Auf dieses Raisonnement gestützt ging 
ich an die Untersuchung des Herrn B. 
Ich Hess denselben zunächst einen weit gelegenen Gegenstand betrachten, hielt eine Linse 
+ 2Vi so vor das linke Auge, dass ihr Brennpunkt in die Pupillarebene fiel und stellte dann meinen 
Kopf auf das Bild der Papilla so ein, dass dasselbe mit dem Fernpunkt meines Auges möglichst 
genau zusammenfiel. Mein Hauptaugenmerk richtete ich dabei auf die von der Papilla nach der 
macnla lutea ziehenden feinen Gefässe, die ich vollkommen scharf sah. Beim Eintritt der Accommo 
dation musste also das Bild jenseits meines Fernpunktes zu liegen kommen und deshalb un 
deutlich werden. 
Liess ich nun plötzlich ein kleines Object, welches ein zweiter Beobachter — der sich 
zugleich überzeugen musste, dass der Untersuchte genau den gegebenen Anordnungen folgte - etwas 
nach links von der Medianebene und circa auf 5 Zoll Entfernung vor das Auge hielt, fixiren, - so 
änderte das Bild auch nicht im Geringsten seinen Ort, es blieb, wenn ich meinen Kopf und die 
Convexlinse in derselben Entfernung hielt, vollkommen scharf und deutlich, wie zuvor. 
Dasselbe geschah, ohne dass ich zu accommodiren nöthig hatte, wenn ich zuerst das nahe 
Object fixiren liess, dann mein Auge in der vorher angegebenen Weise auf das Bild einstellte, und 
nun das Fixirobject rasch wegnehmen und den Patienten auf den entfernteren Gegenstand blicken liess. 
Das rechte Auge, in derselben Weise untersucht, zeigte beim Fixationswechsel einen deutlich 
wahrnehmbaren Ausschlag. 
Herr Professor Völckers, unter dessen Controle ich diesen Versuch anstellte, kam zu dem 
selben Resultate, wie ich. Derselbe gestattete mir freundlichst an seinem Auge einen Controlversuch
	        

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