Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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Ebertli, welcher in einer früheren Arbeit noch behauptete: „Ohne diese Pilze keine Diph 
therie“ gelang es später-nicht nur durch diphtheritischen Wund- und Rachenbelag beim Kaninchen 
eine künstliche Diphtheritis hervorzurufen, sondern auch durch Impfung endocardialer Auflagerungen, 
durch Eiter entzündeter Venen, durch fibrinös - eitriges Exudat ven serösen Häuten, endlich durch 
Blut von Wöchnerinnen, die an Diphtherie oder Sephis zu Grunde gegangen waren. Ja nicht nur 
bei Impfung so differenter Stoffe, sondern schon durch Eiter nicht diphtheritischer Wunden, puri 
formen Veneninhalt, der nicht einmal reich an Kugelbacterien war, durch endometritisches Exsudat, 
welches garmcht den diphtheritischen Character trägt, wenn nur einzelne Kugelbacterien anwesend 
sind, ja selbst durch das Blut solcher Wöchnerinnen erzeugt er Diphtherie der cornea. Indem er 
sagt: die Fäulnissbacterien sind in ganz derselben Weise Erreger der Entzündung wie die Orga 
nismen der Diphtherie, kommt er zum Schlüsse, dass die Pyaemie also meistens eine Diphtherie ist. 
In letzter Zeit sind noch eine Menge von Impfversuchen gemacht, die ich aber unmöglich 
einzeln besprechen kann; was mir noting und einschlagend erschien, werde ich hei meinen eigenen 
Impfungen erwähnen. 
Gehen wir von der Ansicht aus, dass ein Pilz der Mikrokokkus der alleinige Träger des 
diphtheritischen Contargiums ist, so würde es also bei Impfversuchen nur darauf ankommen, dass 
man sich den Mikrokokkus rein verschaffte; allein dies hat seine Schwierigkeiten nicht nur, sondern 
ist bis jetzt unmöglich. Kein Mensch ist im Stande den micrococcus diphtheriticus in der Natur, wo 
er doch entstehen muss, nachzuweiseu Dass er aber mit der Luft eingeathmet wird — wenn das 
krank machende agens überhaupt in einem Pilze zu suchen ist — geht unzweifelhaft aus folgendem 
Falle hervor. 
Ende August ls73 erkrankten hier in Kiel an einem Tage 11 Personen an Diphtheritis, 
und zwar wohnten diese vertheilt auf eine Reihe von Gartenhäusern am Hafen gelegen Es liess 
sich nun leicht coustatiren, dass auf die Erkrauk'eu unmöglich gleichzeitig eine andere Ursache als 
die allen gemeinschaftliche Luft eingewirkt haben konnte. Zwei Personen erkrankten noch etwas 
später; es waren Mütter erkrankter Kinder und die directe Ansteckung wohl leicht erklärlich; von 
diesen 13 Erkrankten starben 11 
Nun fragt es sich, ist dieser die erste Erkrankung bewirkende Pilz derselbe, den wir mit 
den Membranen überimpfen oder nicht? Ganz identisch mit jenem kann er nicht sein, jedenfalls 
muss er sich in einem andern Entwicklungsstadium befinden, denn wie wäre es sonst möglich, dass 
die Infection von einem Menschen auf den andern eine Verhältnissmässig schwere und seltene ist. 
Wäre der in der ganzen Mundhöhle eines Diphtheriekranken massenhaft vorhandene, lose den Membra 
nen aufliegende Pilz absolut identisch mit dem eine epidemische Diphtherie anfachenden Mikrokokkus, 
so wäre nicht zu verstehen, wesshalb er sich von einem Patienten nicht ebenso verflüchtigen solle und 
die Umgebung inficiren; dies aber geschieht jedenfalls nicht; wie viele Aerzte müssten an Diph 
therie erkranken, wenn es genügte von einem Diphteriekranken angeblasen zu werden. Leider sind 
die Erkrankungen und Todesfälle durch Diphtheritis unter den Aerzten trotzdem nicht so selten, 
denn bei häufigen Untersuchungen der Rachenhöhle, besonders aber bei der Tracheotomie kann es 
nicht ausbleiben, dass ein beschäftigter Arzt einmal Membranfetzen ins Gesicht geschleudert be 
kommt. So sind Otto Weber, Seehusen, letzterer Assistent von Herrn Prof. Bartels in Kiel, ferner 
Kalleux, Blache, Griliite ihrem Berufe zum Opfer gefallen. 
Da ich jetzt zu meinen Impfversuchen übergehe, will ich im Anschlüsse an das eben 
Gesagte gleich bemerken, dass die üebertragung der Diphtheritis auf Thiere weit schwieriger ist, 
als auf Menschen. 
Das sicherste Impfmaterial finden wir in den diphtheritischen Membranen, die allerdings
	        

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