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Zu der Zeit, wo ich im Jahre 1872 Mitte des Sommers meine Untersuchungen begann,
herrschte hier in Kiel eine besonders im Anfänge äusserst heftige Diphtheritisepidemie, die sich
dadurch noch auszeichnete, dass nur in seltenen Fällen der Tod durch Larynxstenose eintrat, und
desshalb die in letzterer Zeit wegen der schlechten Erfolge überhaupt sehr in Miscredit gekommene
Tracheotomie nur äusserst selten in Anwendung kam. Die ersten 8 Fälle, welche damals in
poliklinische Behandlung kamen nahmen alle einen letalen Augang, Die Kinder starben zwischen
dem 7, und 12ten Tage an fast reiner Rachendiphtherie mehrfach complieirt mit Nasendiphtherie,
während Kehlkopt und Trachea wohl einen schmierigen dünnen Belag zeigten, der aber auf die
Respiration von keinem erheblichen Einflüsse gewesen war. Die hochgradige Allgemeinerkrankung
hatte den Tod herbeigeführt, es waren sämmtlich Fälle der sg. septischen Form von Diphtherie
und lieferten somit dass schönste Material für das Aufsuchen der Pilze überall da, wo Oertel sie
als der Regel noch vorkommend beschreibt, dann aber auch für die Impfversuche an Thieren.
Zuerst machte ich mich an die Tj ntersuehung des vom lebenden genommenen Blutes.
Blut. Ein Knabe von 6 Jahren war an heftiger Rachendiphtherie erkrankt; es waren
schon früh Erscheinungen allgemeiner Erkrankung eingetreten ohne eine Spur von Larynxstenose.
Ich sah den Knaben zuerst am 6ten Tage der Krankheit, wo man auf den ersten Blick eine
allgemeine Affection annehmen durfte, und da der Tod schon nach 36 Stunden ohne Respirations
störungen eintrat, glaube ich mit Recht annehmen zu dürfen, dass dies ein Fall war, von dem
Oertel ohne weiteres angenommen, dass zahlreiche Pilze im Blute sich finden müssten. Um nun
ganz sicher und vorwurfsfrei zu Werke zu gehen, verschaffte ich mir mit grosser Mühe durch einen
Nadelstich einen Tropfen Blut aus dem weichen Gaumen kaum einen Ctm. weit von local afficirten
Schleimhautpartien und hatte dabei das grosse Glück, sofort einen von aller so leicht möglichen
Verunreinigung freien Blutstropfen zur mikroskopischen Untersuchung zu bekommen. Das Blut
war nämlich absolut frei von jeden kleinsten Körperchen, folglich auch von eingewanderten oder
zufällig aus der Mundhöhle hineingelangten Mikrokokken. Ich hatte mit 700facher Vergrösserung
untersucht.
Zu gleicher Zeit nahm ich auf gleiche Weise von einen älteren in demselben Hause
wohnenden und an leichter Angina erkrankten Knaben Blut und fand zu meinem nicht geringen
Erstaunen eine ganz ansehnliche Menge kleinster, runder Körperchen die man leicht als Kugelbaeterien
hätte deuten können. Ob nun die Angina dieses Knaben eine diphtheritische gewesen, muss ich
dahingestellt lassen, jedenfalls war von einer Allgemeinerkrankung des Organismus kaum die Rede,
und nach Oertel jedenfalls das Vorkommen von Pilzen in diesem Blute ebenso unerklärlich, wie
das Fehlen in dem erstgenannten Falle. Da ich nun bei dem ersten Falle auch nach mehrfachen
Untersuchungen — ich nahm später Blut aus irgend einem Theile der äussem Haut — keine als
Pilze zu deutenden Körper fand, obgleich das Kind am 8ten Tage der Krankheit ohne Larynxstenose
erlag, somit durchaus berechtigt bin anzunehmen, dass hier für die Pilzeinwanderung die günstigste
Gelegenheit gegeben sei, da ich ferner umgekehrt bei dem leicht oder vielleicht garnicht an Diph
therie erkrankten Knaben pilzartige Gebilde im Blute sah, so befand ich mich sofort im Widerspruche
mit Oertel. Entweder musste ich annehmen, dass ein so constantes Verhältniss zwischen Dauer
und Heftigkeit der Erkrankung einerseits und Vorkommen des Mikrokokkus andererseits überhaupt
nicht bestehe, oder es konnte nur ein Fehler darin liegen, dass ich mit zu geringer Vergrösserung
untersuchte. Obgleich mir' letzterer Umstand von vornherein unwahrscheinlich schien, da man ja
sonst den Mikrokokkus der kleinsten Form bei einiger Uebung mit noch geringerer als 700facher
Vergröserung leicht erkennt, liess ich mir doch, um von jedem Einwürfe frei zu sein, die Gelegenheit
nicht entgehen, von einem sehr tüchtigeu Untersucher Controlversuche anstellen zu lassen mit Merz,

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