Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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Mit der Entdeckung der Infusorien auf mikroskopischem Wege schienen die Vermuthungeu 
über kleinste Thiere als Krankheitserreger sich zu bestätigen, und als vollends durch die Entdeckung 
der Saamenkörperchen, die man der beobachteten Bewegungen wegen für Saamenthierchen hielt, 
das Vorkommen lebender Organismen im menschlichen Körper für ausgemacht galt, da wähnte 
man über die Antiologie vieler Krankheiten bald im Klaren zu sein. Allein auch die besten 
Forscher kamen über die einfachsten Entdeckungen nicht hinaus, während andererseits zum grossen 
Naehtheile für die Wissenschaft einige Schriftsteller zur Veröffentlichung der thörigsten und 
lächerlichsten Ansichten sich hinreissen Hessen. Einer derselben empfahl allen Ernstes Trommeln 
und Kanonenschüsse zur Vertreibung der bei schweren Krankheiten als Ursache derselben in den 
Lüften umherfliegenden kleinsten Thierchen in Anwendung zu bringen, während Andere ihren ebenso 
abenteuerlichen Beschreibungen noch sogar die schreckenerregendsten Abbildungen von Thieren 
beifügten. 
Ist es daher zu verwundern, und muss man es nicht vielmehr sehr natürlich finden, wenn 
selbst gewissenhafte Forscher, welche sich der neuen Lehre geneigt zeigten, in Folge der unzu 
reichenden instrumcntellen Hülfsmittel und der geringen Ausbildung hothwendiger Hülfs Wissenschaften 
in den Ruf der Lächerlichkeit kamen? 
Nach vielfach wechselndem Schicksale hat sich nun endlich die Lehre von dem contagium 
vioum Bahn gebrochen, und seit mehr als 10 Jahren denkt der grösste Theil wissenschaftlicher 
Autoritäten nicht mehr daran, sich absolut gegen dieselbe zu erklären. Es giebt zu viele sicher 
constatirte Thatsachen, die auch von dem nüchternsten Beobachter nicht geläugnet werden können, 
und wenn auch mancher mit der .Deutung dessen, was er gesehen, äusserst vorsichtig zu Werke 
geht, so muss er doch gestehen, dass viele Erscheinungen, was sowohl die Antiologie einer 
Krankheit angeht als die anatomischen Veränderungen, welche dieselbe im Organismus hervorruft, 
■am umgezwungensten durch die Gegenwart kleinster Organismen erklärt werden. 
Das Interesse, welches dieser Gegenstand für den Anatomen, Kliniker und Arzt, auch 
Botaniker und Zoologen nothwendig gewinnen musste, hat daher leichtverständlich die Literatur 
über diesen Gegenstand so enorm an wachsen lassen, dass man sehr zufrieden sein kann nur Alles 
gelesen zu haben; wenn ich mich aus diesem Grunde bei jetzt folgender Besprechung auf die 
wichtigsten Thatsachen beschränke, glaube ich damit für eine Arbeit von dem Umfange der 
vorliegenden genug gethan zu haben. Zugleich halte ich es für angemessen das, was über Pilz- 
Krankheiten an Pflanzen und Thieren bekannt ist in Kürze ebenfalls zu erwähnen. Ich habe schon 
eben das Wort Pilz gebraucht und will nur kurz bemerken, dass ich darunter kleinste Organismen 
verstehe, mögen sie nun pflanzlicher oder thierischer Natur sein, welche ihr ganzes Leben oder 
gewisse Perioden desselben auf oder in anderen lebenden Organismen zubringen, um von denselben 
Nahrung zu ziehen, oder sich auf ihnen zu entwickeln. 
Mit absoluter Sicherheit sind Pilze nun als die alleinige Ursache nachgewiesen bei gewissen 
an bestimmte Gegenden gebundenen krankhaften Affectionen der Weintrauben. Diese theils grosse 
Verheerungen anrichtende Erkrankung entsteht durch den von H, v. Mohl als Oidium Tuckeri 
benannten Pilz: 
Die für manche Gegenden so verhängnissvolle Kartoffelkrankheit, welche vor Anfang der 
vierziger Jahre in Europa ganz unbekannt war, wird durch Peronospora infestans hervorgerufen, 
nach de Barry. 
Der Rost des Waizens und anderer Getreidearten, welcher oft ungeheuren Schaden anrichtet 
beruht auch auf Pilzvegetation. 
Grösser ist schon die Zahl der bei Thieren durch Pilze erzeugten Krankheiten.
	        

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