Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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Ecke oder einer scharfen Kante der Uterusinnenfläche zugekehrt ist, allmählig eine 
Durchbohrung der Wand und bei bestehenden Adhäsionen mit andern Organen, z. B. 
dem Mastdarm eine Communication mit diesen hersteilen, oder auch eine Perforation 
n aeh aussen durch die vordere Bauchwand Von jenen Wunden kann aber auch ein 
jauchiger Zerfall der Uterussubstanz selbst ausgehen, und sind so meiner Ansicht nach 
die Fälle zu erklären, wo nach Jahren eine Verjauchung des Uterus das Ende her 
beiführte. 
Die Bewegungsreize des Uterus, welche am normalen Ende der Schwangerschaft 
auf reflektorischem Wege die Contractionen auslösen, bestehen im Wesentlichen in 
der Dehnung der Uterinwandungen, welche durch ein in der letzten Zeit der Schwan 
gerschaft. eintretendes Missverhältniss im Wachsthum des Uterus selbst und seines 
Inhaltes hervorgebracht wird. Platzt alsdann die Eiblase, und fliesst das Fruchtwasser 
ab, so ist durch die dadurch bewirkte Verkleinerung des Uterus und die hiermit ver 
bundene Lostrennung des Eies von seiner Innenfläche ein neuer Reiz zu energischeren 
Contractionen gegeben. Ist aber die Frucht abgestorben während der Gravidität, so 
wird, wenn allmählig, nachdem die Eihäute durch Maceration durchdringlicher ge 
worden sind, eine Resorption des Fruchtwassers stattfindet, diese Verminderung des 
Uterusinhaltes dieselbe Wirkung haben, nur ist dieser Reiz nicht so intensiv, zumal 
die Dehnung der Uterinwandungen ganz fehlt, er muss also längei einwirken, um die 
Thätigkeit der Muskulatur zu erregen. Ausserdem können ja noch andere Reize, 
sowohl Örtliche wie entfernte Contractionen auslösen, wie Traumen oder Allgemein- 
^rkrankungen der Mutter. 
Die Bahnen nun, auf welchen diese Reize dem Centralorgane zugeleitet werden 
und die Art, wie von da aus die motorische Erregung des Uterus erfolgt, sind, wie es 
scheint, sehr mannigfaltige. Unsere anatomischen Kenntnisse sind darüber noch ziem 
lich mangelhaft,'und kennen wir jene theilweise nur aus physiologischen Versuchen. 
Als Innervationscentren für den Uterus müssen wir zunächst den Lendentheil 
des Rückenmarks und die Medulla oblongata bezeichnen, sodann sind als solche an 
zusprechen der plexus aorticus und das ganglion cervicale supremüm. Ausserdem ist 
man durch verschiedene klinische Beobachtungen und durch Experimente genöthigt, 
in dein Uterus selbst nervöse Centralapparate (Ganglien) anzunehmen, durch welche 
das Organ gleich andern vom Sympathicus versorgten Organen in seiner Bewegung 
eine gewisse Selbstständigkeit behauptet. So sah J. Müller den ausgeschnittenen Ei 
leiter einer Schildkröte seinen Inhalt noch austreiben, und Simpson beobachtete, dass 
eine trächtige Sau nach Zerstörung des Rückenmarks noch ganz normal warf. Ausser 
dem sind mehrere Fälle von Geburten bei Rückenmarkslähmung bekannt (Nasse, 
Merrienau, Chaussier), auch auf der hiesigen Anstalt ist ein solcher Fall beobachtet. 
Der oben mitgetheilte Fall 17 scheint dagegen für eine Abhängigkeit des Uterus vom 
Rückenmark zu sprechen.
	        

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