Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

indessen halte ich es für unstatthaft, daraus ohne weiteres die Abhängigkeit der Magenerkran 
kung von den Complicationen zu folgern. Dass Rokitansky, Dittrich, Bamberger, Klebs, 
Lebert, Auvray u. a. sich für das primäre Vorkommen aussprechen, fällt zwar an sich schon 
schwer in die Wagschale, doch sehe ich davon ab, und ziehe es vor, an einigen der mitge- 
theilten Fälle zu zeigen, dass sich die Erscheinungen theils überhaupt nicht, theils weit unge 
zwungener und wissenschaftlicher erklären lassen, wenn wir eine primäre Gastritis annehmen. 
Betrachten wir zunächst Fall X, welcher sogar der Raynaudschen Arbeit entnommen ist 
Wir finden als einzigen Befund: Eiterlage in der Magenwand, in der Peritonaealhöhle wenig 
röthliches Serum. Ist es denkbar, dass eine unbedeutende Peritonitis, welche nur ein geringes 
seröses Exsudat gesetzt hat, eine eitrige Entzündung des Unterhautzellgewebes des Magens 
hervorruft, — hingegen nicht sehr plausibel, anzunehmen, die Entzündung des Magens habe 
Ms Reiz auf das Peritonaeum gewirkt, welcher in der kurzen Frist noch nicht zu schwereren 
böigen geführt hat? Denn, dass das Peritonaeum an entzündlichen Vorgängen der von ihm 
Überzogenen Organe ebenso leicht Antheil nimmt, wie die Pleura an denen der Lungen, braucht 
kaum erwähnt zu werden. 
Sehr bezeichnend sind die Fälle XX und XXI, in welchem die eitrig entzündeten 
Lymphgefässe in dicken Strängen zu den zugehörigen Lymphdrüsen hinzogen. 
Ganz besonderen Nachdruck lege ich ferner auf die Symptome in vivo. In Fall XVI, 
Welchen übrigens auch Asverus selbst zu der primären Form stellt, bestanden 3 Monate lang 
lediglich Erscheinungen seitens des Magens: Uebelkeit, Appetitmangel und Schmerzen im Epi 
gastrium, und erst 2 Tage vor dem Tode traten heftigere, eine mehr ausgebreitete Erkrankung 
andeutende Symptome auf. Weiter verdienen auch die Fälle XX und XXI hier angeführt zu 
werden, in welchen die Erscheinungen seitens des Magens anfangs entschieden praevalieren. 
Welche Ursachen die primäre Gastritis phlegm, hervorrufen, ist eine Frage, auf welche 
eine Antwort zu geben, zur Zeit nicht möglich ist. Indessen kann uns das in unserer Auffas 
sung nicht irre machen. Warum soll das Unterhautzellgewebe der Magenschleimhaut, welche 
8 o vielen Insulten ausgesetzt ist, nicht ebensowohl einmal primär erkranken können, wie das 
Unterhautzellgewebe der äussern Haut? Diese Annahme hat mehr für sich, als wenn wir eine 
Primäre Peritonitis ohne nachweisbare Ursache voraussetzen, welche höchst selten ist, und 
nach Niemeyer bei vorher gesunden Personen nie vorkommt. 
Ob bei der primären Gastritis die Entzündung nur als Reiz für das Peritonaeum wirkt, 
sich der entzündliche Process per contiguitatem fortpflanzt, ob sie eine Pyaemie veranlasst 
und durch dieses Mittelglied die Affectionen des Peritonaeums, der Pleuren, des Pericardiums 
etc. hervorruft — welches dieser Momente bei der secundären, natürlich in anderer Reihen 
de, im Spiele ist, lässt sich nicht entscheiden, wahrscheinlich schliesst das eine das 
andere nicht aus. Einige Aufklärung giebt uns der zuletzt von mir mitgetheilte Fall, in wel 
chem wir allem Anscheine nach ein früheres Entwicklungsstadium der purulenten Infiltration 
Vor uns haben. Es ist durchaus denkbar, dass die pyaemische Peritonitis eine Entzündung des 
submucösen Zellgewebes hervorrief, welche zunächst einen serösen Erguss setzte, der bei der 
allgemeinen Infection eitrig zu werden begann, und ganz eitrig geworden wäre, wenn nicht 
der Tod der Weiterentwicklung ein Ziel gesetzt hätte. In dem Ackermannschen Falle (XVIII) 
'vurde Embolie nachgewiesen. Vgl. auch die Fälle XXI und XXII, in denen die Lymphgefässe 
ohne Zweifel bei der Ausbreitung der Entzündung eine Rolle spielen. 
Ueber die Schädlichkeiten, welche direct als Ursache der primären Form angesehen 
werden können, bewegen wir uns, wie erwähnt, in vagen Vermuthungen. In den hier mitge-
	        

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