Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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Aetiologie. Analysieren wir diese beiden Fälle, so können wir zunächst über die 
Aetiologie keinen Augenblick in Zweifel sein. Alle Erscheinungen weisen entschieden darauf 
hin, dass die Gastritis hier ein localer Ausdruck der allgemeinen pyaemischen Infection war. 
Diese Aetiologie ist nichts weniger als neu, sondern wir finden im Gegentheil in allen Hand 
büchern die Angabe, dass bei Pyaemie sowohl, als — wofür ich allerdings in der Literatur keine 
Bestätigung gefunden habe — bei anderen schweren Infectionskrankheiten, wie Typhus und Va- 
liola, unsere Krankheit beobachtet worden ist. Dittrich 1 ) giebt sogar an, dass dieselbe bei 
einer Puerperalfieberepidemie in Prag im J. 1847 neben anderen eitrigen Infiltrationen in lockeres 
Zellgewebe: Phlegmasia alba dolens, Periproctitis, Perityphlitis, Perinephritis, ein ganz gewöhn 
licher Befund gewesen sei. Es liegt durchaus kein Grund vor, an der Richtigkeit dieser An 
gabe zu zweifeln, indessen muss hervorgehoben werden, dass zu andren Zeiten und an anderen 
Orten diese Beobachtung jedenfalls bei weitem nicht so häufig gemacht worden ist. Wenigstens 
erwähnen die Lehrbücher der Geburtshülfe nichts davon, und bemerkt auch Raynaud, dass 
er eine Anzahl Berichte von Gebärhäusern über Puerperalfieber durchgesehen habe, ohne 
auf einen Fall von Gastritis phlegmonosa zu stossen. Doch genug davon, die pyaemische Basis 
rpancher hälle kann nicht bestritten werden, und über die Häufigkeit wird sich erst ein end 
gültiges Uitheil fällen lassen, wenn zahlreichere, wohl beglaubigte Fälle vorliegen werden. 
In der hier gegebenen Casuistik war in einem Falle (XII) Puerperalfieber Ursache des 
Todes, und lässt sich nur in diesem und in den beiden letzten Fällen Pyaemie deutlich als 
ursprüngliches Leiden nachweisen. 
Die Pyaemie- und Septichaemiefrage ist bekanntlich in neuerer Zeit eine sehr bren 
nende geworden. Hier eine begeisterte Vertheidigung, dort ein beharrliches Leugnen der Ab 
hängigkeit derselben von der Entwicklung niederer Organismen. Kann es mir auch natürlich 
nicht in den Sinn kommen, in einem Streite, welcher die Koryphäen unserer Wissenschaft in 
die Schianken iuft, eine Meinung zu äussern, so mag es doch gestattet sein, möglicherweise 
nutzbares Material herbeizuschaffen. In diesem Sinne glaube ich auf die Anwesenheit der Bak 
terien in Fall XXII einen besonderen Nachdruck legen zu müssen. Wenn dieselben sich in 
einem nach der gewöhnlich üblichen Zeit obducierten Cadaver finden, so berechtigt das zu 
keinem Schlüsse, da die Keime überall in der Luft suspendiert sind, und auf dem organischen 
Substiate bei feuchter Wärme in einem Tage weit in ihrer Entwicklung fortgeschritten sein 
werden. "Wenn dagegen bei einer 8 Stunden p. m. vorgenommenen Section die sofort nach der 
Ei Öffnung der Bauchhöhle unter allen Vörsichtsmassregeln angestellte Untersuchung auf Pilze 
ein positives Resultat giebt, so kann der Annahme, dieselben seien dort schon während des Le 
bens vorhanden gewesen, die Berechtigung nicht abgesprochen werden. 
Während also diese 3 Fälle auf Pyaemie beruhen, betrachte ich in den übrigen die 
Gastritis als primäre Affection und meine, dass Raynaud viel zu weit geht, wenn er das 
primäre Auftreten der Gastr. phlegm, in Frage stellt, und zu folgendem Resultat seiner Beob 
achtungen kommt. „Die eitrige Infiltration ist ein ,etat anatomique“, welcher bei mehreren, 
durch die Disposition der verschiedenen Organe, Eiter zu producieren, charakterisierten Allge- 
roeinkrankheiten entstehen kann. ,Ce n’est pas une espece morbide ä part 1 “. 
Piüfen wir unsere Casuistik auf diesen Punkt, so finden wir allerdings, dass in fast 
keinem Falle die Gastritis für sich bestand, sondern Peritonitis etc. in ihrer Begleitung waren, 
') cf. Brand. Die Stenose des Pylorus, Diss. inaug. Erlang. 1851. j>. 28.
	        

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