Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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Bevor ich zur Besprechung der Literatur übergehe, bedarf es einiger kurzen Bemer 
kungen. Man fasst unter dem Namen phlegmonöse Magenentzündung gewöhnlich zwei ver 
schiedene Formen zusammen, nämlich die wirkliche diffuse eitrige Infiltration, und die circum- 
scripte Abscessbildung in den Magenwandungen, von denen die Submucosa der besonders er 
griffene Theil ist. Raynaud 1 ), welcher unter der Ueberschrift: Infiltration purulente dans 
les parois de l’estomach den ersten längeren Aufsatz über unsere Affection veröffentlichte, 
unterscheidet drei Formen. Diese sind: 
1) Kleine Eiteransammlungen, welche sich auf die Schleimhaut beschränken. Die alten 
Aerzte nannten den diese Wäschen- oder pustelartigen Gebilde erzeugenden Process ventriculus 
pustulosus, während einige neuere ihn als intrafolliculären Abscess, North als Aphthen des 
Magens bezeichneten. 
2) Ein oder mehrere umschriebene Abscesse in der Submucosa, welche meistens eine 
rem locale Affection sind. Von dieser Form führt Raynaud 12 Fälle an, unter ihnen die 
ältesten überhaupt veröffentlichten Beobachtungen von Sand 2 ) und Lieutand 3 ), und einen 
ball von Mayor, welcher dadurch ein besonderes Interesse gewinnt, dass sich ein Abscess 
zwischen den Blättern des lig. gastro-lienale befand. 
3) Sehr zahlreiche Abscesse, oder sehr dicke eitrige Infiltration des submucösen Zell 
gewebes, teppichartig ausgebreitet über einen grossen Theil oder über das ganze Eingeweide. 
Diese Form soll nie als selbständiges, sondern stets als Ausdruck eines allgemeinen Leidens 
Vorkommen. 
Ackermann ) unterscheidet ohne Rücksicht auf klinische Erscheinungen von rein pa 
thologisch - anatomischem Standpunkte aus 7 Kategorieen, von denen die beiden ersten alle 
Abscessbildungen in der Submucosa, sei es ohne, sei es mit Verdickung der Magenwände um 
lassen während die übrigen die Fälle von wirklicher eitriger Infiltration in verschiedene 
Gruppen theilen, je nachdem dieselbe für sich bestand, oder mit Abscessbildung, fibröser Ver 
dickung des Magens, Schleimhautverschwärung combiniert gefunden wurde. 
Die erste Klasse Raynauds konnte bei der von ihm gewählten Ueberschrift aufgestellt 
werden, wir können sie natürlich von vornherein unberücksichtigt lassen, da das Adjectiv 
„phlegmonosa a priori die Betheiligung des submucösen Bindegewebes voraussetzt. Es lässt 
daher auch Ackermann diese Klasse unerwähnt. 
Es leuchtet ein, dass eine Scheidung nach so unbestimmten Zahlenbegriffen, wie „meh- 
ieie und „sehr zahlreiche“, unzulässig ist, weil sie der Willkühr zu viel Spielraum lässt. Wo hört 
das „mehrere“ auf, und wo beginnt das „zahlreiche“? Raynaud Hess sich durch die ihm be 
kannten klinischen Erscheinungen und seiner Theorie zuLiebe, dass die weniger zahlreichen Abscesse 
locale Affectionen, die Infiltration und multipelen Abscesse dagegen stets von einem schwere 
ren Grundleiden abhängig seien, zu dieser Trennung verleiten. Uebrigens ist er wenig streng und 
scheut sich z. B. nicht, einen Fall von Haberslion 3 ) der dritten Klasse zuzutheilen, weil sich ein 
eitriges Exsudat in der Peritonaealhöhle fand, wenngleich die Veränderungen am Magen sich auf 
einen einzigen Abscess beschränkten, welcher vor der Eröffnung für einen Tumor zweifelhafter Natur 
gehalten wurde. 
') 1. c. 
-) Sand, De raro ventric. abscessu. 
3 ) Lieutand, Histor. änatom.-medio. 1767 p. 24, 25. 
4 ) Vir ob o ws Arch. Bd. 45 p. 52. 
■>) Habershon, Pathologie, and practic. observ. oh disease of the aliment, canal. 1S57 p S6 fbeilta}" 
naud observ. XIV). v
	        

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