Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

2* 
11 
wird man nicht fehlgreifen, wenn man zu den ersteren nur solche Krebse rechnet, 
die äusserlich als echte Nierencarcinome erscheinen, weil der ganze Prozess haupt 
sächlich innerhalb der Kapsel sich abspielt und die umgebenden Theile nicht mehr 
in ihn hineingezogen werden, als bei diesen. Deshalb möchte ich unseren Fall für 
ein Muster von paranephritischem Carcinom halten; das ganze kolossale Neoplasma 
ist umgeben von der Kapsel der Niere oder jedenfalls von einer dieser gleich- 
werthigen Hülle, lag dadurch total isolirt, bot also in dieser Hinsicht die Verhält 
nisse eines wirklichen Nierencarcinoms dar, und doch muss man es für etwas der 
Niere ursprünglich ganz Fremdes erklären. 
Von wo dasselbe seinen Ursprung genommen, lässt sich begreiflicherweise 
jetzt nicht mehr sicher bestimmen. Das ganze Verhalten macht den Eindruck, als 
ob es vom unteren Ende des Hilus aus in die Kapsel eingedrungen sei und nun 
von unten und innen gegen den Rest der Niere herandränge. Dort würde auch 
der Durchbruch durch die sonst ziemlich resistente Kapsel leicht zu bewerkstelligen 
sein. Dieselbe besteht bekanntlich aus zwei Schichten, einer äusseren von o, i bis 
0,2 mm. Dicke, und einer inneren von 0,025 mm. (Flenle); erstere verschmilzt im 
Hilus mit der Bindegewebsscheide, welche die zur Niere tretenden Blutgefässe ein 
hüllt, und nur die letztere setzt sich bis an die Anheftungsstelle der Nierenkelche 
fort. So wird, wenn im Sinus renalis eine Neubildung ihren Ursprung nimmt, nur 
die dünne innere Schichte den Weg in die Nierensubstanz verlegen, und deren 
Widerstand ist um so leichter zu überwinden, als die äussere Schichte den Durch 
bruch ins retroperitoneale Zellgewebe viel entschiedener zu verhindern vermag. 
Ich glaube sogar, man kann, ohne den Thatsachen Zwang anzuthun, in An 
betracht des letzterwähnten Umstandes ein Her sich entwickelndes Carcinom fast 
als ein von vorneherein intracapsuläres ansehen. 
Schon oben habe ich die auffallende Gestalt der Zellen, ihre enorme Grösse 
und wirklich oft schleierhafte Dünnheit erwähnt, allerdings ohne weiter auf diesen 
Punkt einzugehen. Es fällt aber sofort die wirklich frappante Aehnlichkeit mit den 
Endothelien der Gefässe, vor allem der grösseren Venen auf. Vorwiegend sind 
sie von langgezogener, spindelförmiger und rautenförmiger Gestalt; alle anderen 
Formen treten weit zurück hinter diesen endothelähnlichen. Ein Blick in das 
Mikroskop giebt massenhaft Bilder, die ganz ausserordentlich den von Ponfick*) 
ungebildeten in Degeneration begriffenen Gefässendothelien gleichen, welche im Blut 
von Recurrenskranken gefunden werden. Sämmtliche Krebszellen sind, wie gesagt, 
uiehr oder weniger in Fettentartung begriffen. 
Da nun in der Regel, vielleicht immer, die Carcinome in der Gestalt ihrer zelli- 
gen Elemente den Charakter der Zellen ihres Mutterbodens tragen, da die Epithel- 
*) Virch. Arch. Bd. 60. T. V.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.