Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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Lebern in unserm Falle erklärt werden kann, da sie sich ja mit ihren unteren concaven 
Flächen gegenüberliegen, und zwar so, dass der rechte Lappen von A dem linken 
Lappen von B entgegengesetzt ist, und umgekehrt. Ich möchte vielmehr aus der 
Formation der Brustkörbe die Lage der Lebern erklären. Wie schon erwähnt', 
sind dieselben in ihren seitlichen Durchmessern sehr beschränkt, so dass sie ein 
so grosses Organ wie die Leber nicht zu beherbergen vermochten. In Folge des 
Druckes der beiderseitigen Rippen machte deshalb eine jede Leber eine Viertels 
drehung um ihre vertikale Achse nach rechts, so dass dadurch die Leber des In 
dividuums A nach vorn, dagegen die Leber des Individuums B nach hinten zu 
hegen kam Da der obere Theil beider Lebern, oder ihr hinterer Rand 
am höchsten, d. h. im oberen engen Theil der gemeinsamen Thoraxhöhle ge 
lagert wurde, so musste er hier einen ziemlich bedeutenden Druck erfahren, 
so dass eine Verbindung der beiden hinteren Ränder erfolgen konnte. Wenn 
nun auch eine solche Lageveränderung der beiden Organe, wie ich sie eben zu 
schildern versucht habe, wohl denkbar ist, so bleibt doch noch immer die Ursache 
der Verwachsung unaufgeklärt; immerhin schien mir diese Deutung für den vorlie 
genden Fall die plausibelste zu sein. 
Die Duplicität des Magens, der Milz, des Harn- und Geschlechtsapparats fin 
det bei den Sternopagen gewöhnlich Statt, und nur bisweilen treten Abweichungen 
m der Art der Entwicklung dieser Organe auf. Die vollständige Trennung der 
Darmcanäle gehört zu den Seltenheiten, eine solche betraf den Fall II. a und den 
Fall III. Gewöhnlich fliessen die Darmcanäle bald hier bald dort auf eine Strecke 
zusammen, um sich weiterhin von neuem zu trennen; dieser Zusammenfluss betrifft 
meistens den oberen Theil des Darms. In unserm Falle vereinigen sich sogar schon 
die duodena, wie man daraus schliessen kann, dass der gemeinsame ductus chole- 
dochus gerade an der Vereinigungsstelle einmündet. Da sich aber der Gallengang 
m normaler Weise in die pars descendens duodeni ergiesst, so muss der obere Theil 
des gemeinsamen tractus intestinalis aus der Vereinigung beider duodena gebildet sein, 
vielleicht ein seltenes Vorkommen, welches jedoch auch von Förster beobachtet wurde.' 
Was nun den situs inversus anbetrifft, welcher nach Förster’s Ausspruch 
stets bei den Doppelmissbildungen dieser Art Vorkommen soll, so liefert unser Fall 
Wiederum einen Beweis für das Gegentheil, denn selbst die Lage der Lebern spricht 
durchaus nicht für einen situs inversus, geschweige denn die der andern vollständig 
normal gelegenen Eingeweide; überhaupt scheinen ziemlich viele Ausnahmen von 
dieser Regel vorzukommen, und die Nothwendigkeit eines situs inversus des rechten 
ndividuums, wie sie von Förster und andern Autoren angenommen und begründet 
Wird, dürfte doch wohl nicht eine absolut unbedingte sein.
	        

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