Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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kam nämlich durch Bebrütungsversuche mit Vogeleiern zu einer Reihe von Resul 
taten, welche vonDönitz 12 ) bestätigt wurden. Das Endresultat gestaltet sich etwa 
folgendermaassen: Jede Anlage einer Doppelmissbildung entsteht an einem befruch 
teten Ei, welches normal gebildet ist, wenigstens sind keine Unterschiede von an 
dern befruchteten Eiern nachzuweisen. Der Furchungsprocess findet hier in der 
selben Weise Statt, wie er gewöhnlich Platz greift. Die Entstehung der Doppel 
monstren beruht nun auf einer Reimspaltung, die nach der Bildung der Umhüllungs 
haut auftritt und bald eine longitudinale, bald eine transversale Richtung nimmt. 
Durch die longitudinale Spaltung werden zwei Hälften gebildet, welche wiederum 
die Fähigkeit besitzen sich selbstständig zu einem vollständigen Individuum zu 
entwickeln. Je nach der mehr oder weniger vollständigen Keimspaltung und Ent 
wicklung der verschiedenen Hälften, sowie nach dem Verhältnis derselben unter 
einander, entstehen verschiedene Doppelmissbildungen. Die vollkommensten bilden 
die durch vollständige Keimspaltung entstandenen Paarlinge. 
Die Sternopagen können nach dieser Theorie natürlich nur durch longitudinale 
Spaltung entstanden sein, jedoch war bei ihnen die Keimspaltung keine vollständige, 
sondern in Bezug auf das Wirbelsystem eine beschränkte. 
Der eben mitgetheilten Ansicht steht aber die erwiesene Thatsache entge 
gen, dass die Erzeuger bei der Entstehung der Missbildungen eine grosse Rolle 
spielen. Man beobachtete nämlich, dass Frauen mehrmals nach einander dieselbe 
oder eine ähnliche Missgeburt zur Welt brachten, dass ferner Männer mit verschie 
denen Frauen dasselbe Monstrum erzeugten, so dass die von Bischoff aufgestellte 
und jetzt noch viel vertheidigte Ansicht von der primitiven Anomalie der Zeugungs 
materien alle Beachtung verdient. So lange uns die verschiedenen Entwicklungs 
stufen der menschlichen Embryonen, besonders in der frühesten Periode verschlis 
sen bleiben, so lange wird man auch wohl kaum zu einem endgültigen Resultat 
m dieser Frage gelangen. 
Wie wohl nun bereits viel über die Sternopagen berichtet wurde, und die 
Zahl der veröffentlichten Fälle keine geringe ist, so unternehme ich es dennoch 
der grossen Reihe noch einen neuen Fall zuzufügen in der Hoffnung dadurch wie 
der neues Material zur Vergleichung zu liefern. Bevor ich aber zur Beschreibung 
des Doppelmonstrums übergehe, sei es mir gestattet, die Geburtsgeschichte, wie sie 
mir gütigst von Herrn Doctor Hoepner aus Rendsburg mitgetheilt wurde, hier zu 
erwähnen. 
Geburtsgeschichte. 
_ Die Mutter der Missgeburt C. M., Tochter eines sehr muskulösen Schlach 
ters, ist gleichfalls kräftig entwickelt, wenn auch nicht übermässig gross. Sie war, 
12 ) W. Dönitz, Reicherts Archiv 1866 p. 529.
	        

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