Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

8 
dreissiger Jahren des vorigen Saeculums im Schoosse der französischen Academie 
zu Paris zwischen Winslow und Lemery. Während Ersterer die Begründung 
der Doppelmissbildungen in fehlerhaft gebildeten Keimen suchte, verfocht Letzterer 
seine Ansicht von der Verschmelzung und Verwachsung zweier normal gebildeter 
Keime. Dieser Streit, welcher länger als durch zehn Jahre in der französischen 
Academie sich abspielte, und dem schliesslich auch Haller beitrat, indem er 
Winslows Partei ergriff, endete ohne ein befriedigendes Resultat. Bald darauf 
gelang es E. Saint Hilaire bei Hühnereiern durch theilweise Verletzung derselben, 
durch gewisse Lagen, durch Ueberzüge, die er über dieselben gemacht, mancherlei 
Verunstaltungen des Embryo hervorzubringen, und somit hielt er den äusseren 
Einfluss auf die Entwicklung des Embryo für erwiesen und stellte von neuem die 
Lehre von der Verwachsung wieder auf. Von der Ansicht ausgehend, dass seine 
Lehre nur dann Anklang finden würde, wenn der schon Lemery gemachte Vorwurf 
von der ausschliesslichen Vereinigung gleichnamiger symmetrischer Theile, beseitigt 
würde, construirte Saint Hilaire einen Lehrsatz von der affinite de soi pour soi 9 )- 
Er nahm also das Verschmelzungvermögen gleicher Theile als oberstes Princip in 
der Frage von der Entstehung der Doppelmonstra an und konnte, obgleich er den 
Beweis dieses Satzes bis jetzt noch schuldig geblieben, die Bildung jedes Doppel- 
monstrums von dieser einfachen Voraussetzung abhängig machen, nachdem der 
Einfluss äusserer mechanischer Gewalten einmal nachgewiesen. f. G. Saint 
Hilaire folgte der Lehre seines Vaters aufs Genaueste und suchte in seinem 
umfangreichen Werke für jede Art der Doppelmissbildung auch eine entsprechende 
Ursache anzuführen. Die Ansichten der beiden Saint Hilaire wurden zuerst von 
Meckel mit Glück bekämpft, und seitdem sind verschiedene Autoren mit Ergeb 
nissen neuer Forschungen gegen sie aufgetreten, so dass die Verwachsungstheorie 
als fast beseitigt betrachtet werden kann. 
Bisch off, 10 ) welcher zuerst bei Säugethiereiern und beim Menschen primitive 
Abweichungen in der Bildung des Eies auffand, stellt eine zweite Ansicht auf dahin 
lautend, dass die Ursache der Missbildungen entweder und am wahrscheinlichsten 
eine ursprüngliche sei, oder in der allerfrühesten Zeit begründet sein müsste. An 
dere Forscher beobachteten bei Eiern des Menschen und der Säugethiere doppelte 
Dottern und doppelte Keimzellen und wollen auf diese Weise die Entstehuno- der 
Doppelmonstra begründen. Nach den neuesten Untersuchungen scheint man in 
dieser schwierigen Frage dahin überein gekommen zu sein, dass ein Doppelmon- , 
strum stets in einem normalen Ei entstehe, und dass dieses erst einen nach der 
Befruchtung auftretenden eigenthümlichen Bildungsprocess durchmache. Reichert 11 ) 
!1 ) J. G. Saint Hilaire 1. c. pag. 379. 
10 ) W. Bi sch off. Entwicklungsgeschichte. Wagners Handwörterbuch Bd. I, p. 860. 
u ) Reichert. Archiv für Anatomie und Physiologie 1864 p. 744.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.