Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

doppelt vorhanden, und ob dieselben ein jedes für sich funktionsfähig sind. Diese 
Bedingung trifft aber bei den Sternopagen nicht zu, da stets entweder das Herz 
°der die Leber theils nur einfach vorhanden sind, theils in der Entwicklung ihrer 
Öuplicität nur einen geringen Grad erreichen; alle in der Literatur verzeichneten 
Bälle berichten deshalb nur von einer kurzen Lebensdauer. Anders gestalteten sich 
die Verhältnisse'bei den bekannten Siamesen, welche, nur durch die seitlich ne- 
3 °genen procestus ensiformes verbunden, mit einer vollständigen, für jedes Individuum 
getrennten Organisation begabt waren. Sie nehmen deshalb in ihrer Entwicklung 
eine bedeutend höhere Stufe ein, als die Sternopagen. Saint Hilaire reiht sie in 
die Klasse der Xiphopagen ein. 
Eine weitere auffällige Thatsache, welche die Sternopagen auszeichnet, macht 
SIC h in der vorwiegenden Häufigkeit des weiblichen Geschlechts geltend. Schon 
Malier war diese Erscheinung sehr wohl bekannt, und er betont ausdrücklich, dass 
er unter 42 Doppelmissbildungen 30 weibliche und 9 männliche gefunden habe. Bei 
Meckel gestaltet sich das Verhältniss ähnlich, er fand unter 80 Sternopagen 60 
Weibliche. Otto (i ) notirt unter 142 solcher Missbildungen 80 weibliche. Ob in 
dieser Hinsicht ein blinder Zufall sein Spiel treibt, oder ob die grosse Frequenz 
des weiblichen Geschlechts aus dem von Otto citirten Grunde stattfindet, wage ich 
n >cht zu entscheiden. Otto 7 ) hält jede Monstrosität für eine krankhafte Erscheinung 
und glaubt desshalb, da das weibliche Geschlecht ja überhaupt wegen seiner Zartheit 
Un d Schwäche mehr den Krankheiten zuneige^ als das männliche, dass dies Ver 
hältniss bei den Missbildungen auch Platz greife. 
Da es ein durch die Entwickelungsgeschichte aufgestellter und jetzt auch 
allgemein angenommener Grundsatz ist, dass Zwillinge gleichen Geschlechts stets 
aus einem Ei stammen, so müsste diese Lehre bei den Doppelmissbildungen gewiss 
m vollem Maasse in Kraft treten. In der That scheinen sich auch alle Autoren 
111 dieser Frage einig, und Förster betont ganz besonders die Einheit des Geschechts 
der Doppelmissbildungen. Jedoch wurde von Schraven s ) ein Fall mitgetheilt. in 
Welchem beide Individuen deutlich getrennte Geschlechtsorgane gehabt haben sollen. 
Was nun die Entstehung der Doppelmonstra betrifft, so wird diese Frage 
Bereits seit etwa 150 Jahren ventilirt, ohne dass bis jetzt eine völlig zureichende 
Lösung gefunden wäre, immerhin hat man versucht durch geistreiche und wissen 
schaftliche Hypothesen ihre Entstehung in einen besseren Einklang mit den als 
gültig anerkannten Gesetzen zu bringen. Diese Hauptfrage entbrannte zuerst mit 
grossem Eifer und mit dem Aufgebot aller Kenntnisse der damaligen Zeit in den 
. 'j A. G. Otto. Monstrorum sexcentorum descriptio anatomica. Vratislaviae 1841. 
') Otto. 1. c. pag. 17. 
s ) H. Sch raven. Ueber Sternopagen. Dissertation. Berlin 1869.
	        

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