Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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einer genauen Eintheilung unterzog, einer Eintheilung, welche im ganzen auch jetzt 
noch als die maassgebende gilt. Die Doppelmissbildungen unterschied er je nach 
der Gegend ihres Zusammenhanges in ein seitliches, vorderes, unteres, oberes, 
hinteres und anderweitiges Doppeltwerden. • 
Eine der berühmtest gewordenen Classificationen ist die der beiden Saint 
Hil aire. Dieselben entwarfen eine Eintheilung nach einem völlig anderen Princip- 
Veranlasst durch die grosse Aehnlichkeit, in welcher die Missbildungen immer 
wiederkehren, und durch die Reihenfolge, welche sich aus ihnen bilden lässt, unter 
schieden sie dieselben, indem sie die Eintheilung der Pflanzen zu Grunde legten, 
in Ordnungen, Familien, Genera und Species. 
Die vorliegende Missbildung gehört nach Saint Hilaire :! ) zu den Sternopagen, 
d. h. Doppelmissbildungen, bei denen die Verwachsung durch das sternum stattfindet. 
Nach Förster, 4 ) welcher bei seiner Eintheilung der Doppelmissbildungen auch die 
Region der gegenseitigen Verwachsung zu Grunde legt, würde der vorliegende 
Fall zu den monstra a superiore et inferiore parte duplicata zu zählen sein und mit 
dem Namen Thoracopagus tetrabrachius bezeichnet werden müssen. Doch ist der 
Name Sternopage in so fern vorzuziehen, als er die Gegend der Verwachsung 
genauer angiebt. 
Blicken wir in der Literatur zurück, so werden wir gewahr, dass ein Sternopage 
eine durchaus nicht seltene Erscheinung ist, im Gegentheil durch seine Häufigkeit 
bei den Doppelmonstren eine hervorragende Rolle spielt, wie dies bereits von 
Haller und Meckel ausdrücklich bemerkt wird. Förster, welcher bekanntlich 
über ein sehr grosses Material zu verfügen hatte, notirt allein von 355 Doppel 
missbildungen 135 Sternopagen. Bemerkenswerth ist, dass dieselben meist gut 
entwickelt und oft ausgetragen zur Welt kommen und sich durch ganz besondere 
Regelmässigkeit ihrer Verdoppelung auszeichnen. (Vrolik 5 ) will bemerkt haben, 
dass das eine Individuum gewöhnlich schwächer entwickelt sei, als das andere.) 
I rotz dieser hohen Stufe der Entwicklung ist bis jetzt noch kein glaubwürdiger 
Fall eines lebenden Sternopagenpaares in der Literatur bekannt. Obwohl zwar ein 
solches Monstrum während der Geburt weit grösseren Gefahren für sein Leben 
ausgesetzt ist, als ein normal entwickeltes Kind, so ist der Grund jener Erscheinung 
doch einem andern Umstande zuzuschreiben. Es hängt die Lebensfähigkeit solcher 
Missbildungen davon ab, ob alle inneren, das Leben bedingende Organe wirklich 
•’) M. Isidore Ge of fr oy Saint Hilaire. Histoire generale et particuliere des anomalies 
de l’organisation chez l’homme et les animaux. Bruxelles 1837. 
4 ) A. Förster. Die Missbildungen des Menschen. Jena 1865. 
5 ) W. Vrolik. Ontlendkundig Onderzoeg, beschrjving en rangschikking der dubbelde 
misgeboorten. Amsterdam 1840.
	        

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