Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

D a in früheren Zeiten das Feld der Anatomie und Physiologie nur wenige 
Bearbeiter fand, so ist es nicht zu verwundern, dass in der älteren Literatur die 
Bemerkungen und Andeutungen über Missbildungen nur sehr spärlicher Natur sind. 
Zwar mussten diese eigenthümlich missgestalteten Wesen von jeher die Aufmerk 
samkeit der Menschen auf sich lenken, aber diese, dem Charakter ihrer Zeit ent 
sprechend, machten die Missbildungen, anstatt sie einer wissenschaftlichen Untersuchung - 
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zu unterwerfen, eher zum Gegenstand des Schreckens und der Neugier. Dieser 
Zug des religiösen Aberglaubens, die Furcht vor dem Walten böser Dämonen und 
Ber Gedanke an eine schlimme Vorbedeutung, welche an das Erscheinen eines 
Monstrums geknüpft wurde, gepaart mit den abenteuerlichsten Ansichten über die 
Ursachen und das Zustandekommen derselben lässt sich aus dem Alterthum bis 
durch das ganze Mittelalter verfolgen. Und erst als im siebzehnten Jahrhundert 
die Anatomie einen bedeutenden Aufschwung gewann, verbunden mit dem Fortschritt 
der Embryologie, mehren sich auch die Angaben über Missbildungen, obgleich doch 
mrmer das Auffallende und Merkwürdige viel eher die Triebfeder einer anatomischen 
Untersuchung abgab, als das wissenschaftliche Moment. So musste erst die Mitte 
des achtzehnten Jahrhunderts heranrücken, bis es Haller 1 ) gelang etwas Ordnung 
In das Chaos zu bringen, indem er alle Missbildungen, welche bis dahin beobachtet 
waren, zusammenstellte und dieselben, so weit es ihm möglich war, einer wahrheits 
getreuen, wissenschaftlichen Darstellung unterwarf. Er fing an bei objektiver Beob 
achtung die Entstehung der Missbildungen auf eine wissenschaftliche Grundlage 
zurückzuführen, wodurch sich die Nothwendigkeit einer genauen Eintheilung von 
selbst geltend machte. Epoche machend in dieser Hinsicht trat Meckel 2 ) auf, 
Welcher auf dem von Haller angebahnten Wege fortarbeitend die Missbildungen 
b A. von Haller. Opera minora. Lausannae 1762. 
2 ) J. F. Meckel. Handbuch der pathologischen Anatomie. Leipzig 1816.
	        

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