Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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betrachteten. Die unbefangene Beurtheilung muss diesen Einwand ohne Weiteres zurückweisen. 
Denn so verschieden auch die einzelnen Fälle in ihrem Verlauf waren, ein Umstand, der oft 
genug in einer irrationellen Therapie seinen Grund hatte, so übereinstimmend trugen sie doch 
die oben für das Mal perforant aufgestellten Charactere. Wenn wir aber von unächten Fällen 
sprechen wollen, dann kann das nur der Nelaton’sche sein; ersteht als ein Unicum da, und gerade 
ihn scheint Estländer zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen genommen zu haben. Die 
Estlander’sche Auffassung wird keineswegs gestützt durch die Analyse der Symptome. Keiner 
der in der mir zugänglichen französischen Literatur als Mal perforant beschriebenen Fälle begann 
— mit Ausnahme des Nelaton’schen —• mit einem bullösen Exanthem oder mit einer lividen 
fluctuirenden Stelle; niemals war Atrophie die Folge. Uebereinstimmend begannen sie an den 
dem Druck am meisten ausgesetzten Parthieen des Fusses mit einer Schwiele, die in Folge fort 
gesetzter Reizung zu Ulcerationen führte, die oft einen malignen Character zeigten. In vielen 
Fällen herrschte übrigens ein grösserer oder geringerer Grad von Anaesthesie, ein Symptom, 
welches für die Lepra noch in die Wagschaale zu fallen scheint. Abgesehen davon, dass die 
Anaesthesie für uns nur einen Werth haben kann in Verbindung mit den anderen, die Lepra 
characterisirenden Symptomen, ist das Symptom zunächst kein constantes. Nach Estländer 
selbst ist die Wunde bald äusserst empfindlich, bald äusserst gefühllos. Die Empfindlichkeit für 
den Schmerz ist aber bekanntlich individuell durchaus verschieden und nicht zusammenzuwerfen 
mit den verschiedenen Graden der Schmerzensäusserung und mit der psychischen Kraft, diese 
Schmerzensäusserung zu unterdrücken oder wenigstens in Schranken zu halten. Geringe Schmerzens 
äusserung ist keineswegs identisch mit grösser Unempfindlichkeit; wie weit aber manchmal die 
Torpidität der Individuen geht, ist bekannt genug. Der therapeutische Erfolg, welchen in einigen 
Fällen Estländer und auch Pitha durch Jodkalium erzielten, kann ebenfalls nur eine schwache 
Stütze sein für die Estlander’sche Auffassung. Jodkalium ist ja auch bei gewissen anderen 
Krankheiten ein unschätzbares Mittel. Was nun noch die epidermoidale Verdickung der Ge 
schwürsränder anbetrifft, so müsste man schon Estländer zu Gefallen und im Widerspruch mit 
Virchow nicht eine Atrophie, sondern eine Hypertrophie als den Ausdruck eines Innervations- 
defectes ansehen. Estländer sieht nämlich die epidermoidale Verdickung an als die Folge einer 
trophischen Störung nach Analogie der reichlichen Production von Epithel auf der Cornea nach 
Trigeminus-Durchschneidung. Diese Analogie wird — um von anderen Einwänden abzusehen —■ 
vollkommen hinfällig durch folgenden Fall: Ein junger Mann suchte nach überstanderer Schädel- 
basisfractur die hiesige Augenklinik auf, um den hochgradigen Strabismus, der gleichzeitig in 
Folge totaler Lähmung des M. rectus externus eingetreten war, beseitigen zu lassen. Im ganzen 
Trigeminusgebiet der betreffenden Seite bestand vollkommene Anaesthaesie. Von der Strabotomie 
empfand Patient Nichts. Nach einer Erkrankung der Cornea suchte man vergebens. — Scheint 
es nicht viel einfacher und natürlicher, die epidermoidale Verdickung der Geschwürsränder als 
den Ausdruck einer chronischen Reizung aufzufassen? Soll man denn den Umstand ganz ausser 
Augen lassen, dass das Mal perforant mit Vorliebe seinen Sitz an den hervorragendsten, dem 
Druck ausgesetzten Parthieen des Fusses nahm? Aber die Seltenheit der Affection steht ja in 
keinem Verhältniss zu der Häufigkeit der mechanischen Ursachen, denen man ihre Entstehung 
zuschreibt! Nicht alle Menschen kommen aber auch dem »Cessante causa cessat effectus«, der 
ersten Forderung jeder rationellen Therapie, nach. Die vom Mal perforant Heimgesuchten waren 
auch vermöge ihrer socialen Stellung nicht immer in der Lage, dieser Forderung nachzukommen, 
selbst wenn sie überzeugt gewesen wären von der Tragweite derselben. Es waren zum grössten 
Theil Leute, die den arbeitenden Classen angehörten, die, unter schlechten hygienischen Ver 
hältnissen lebend, den Unbilden der Witterung ausgesetzt, ein Brod verdienen mussten, welches
	        

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