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betrachteten. Die unbefangene Beurtheilung muss diesen Einwand ohne Weiteres zurückweisen.
Denn so verschieden auch die einzelnen Fälle in ihrem Verlauf waren, ein Umstand, der oft
genug in einer irrationellen Therapie seinen Grund hatte, so übereinstimmend trugen sie doch
die oben für das Mal perforant aufgestellten Charactere. Wenn wir aber von unächten Fällen
sprechen wollen, dann kann das nur der Nelaton’sche sein; ersteht als ein Unicum da, und gerade
ihn scheint Estländer zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen genommen zu haben. Die
Estlander’sche Auffassung wird keineswegs gestützt durch die Analyse der Symptome. Keiner
der in der mir zugänglichen französischen Literatur als Mal perforant beschriebenen Fälle begann
— mit Ausnahme des Nelaton’schen —• mit einem bullösen Exanthem oder mit einer lividen
fluctuirenden Stelle; niemals war Atrophie die Folge. Uebereinstimmend begannen sie an den
dem Druck am meisten ausgesetzten Parthieen des Fusses mit einer Schwiele, die in Folge fort
gesetzter Reizung zu Ulcerationen führte, die oft einen malignen Character zeigten. In vielen
Fällen herrschte übrigens ein grösserer oder geringerer Grad von Anaesthesie, ein Symptom,
welches für die Lepra noch in die Wagschaale zu fallen scheint. Abgesehen davon, dass die
Anaesthesie für uns nur einen Werth haben kann in Verbindung mit den anderen, die Lepra
characterisirenden Symptomen, ist das Symptom zunächst kein constantes. Nach Estländer
selbst ist die Wunde bald äusserst empfindlich, bald äusserst gefühllos. Die Empfindlichkeit für
den Schmerz ist aber bekanntlich individuell durchaus verschieden und nicht zusammenzuwerfen
mit den verschiedenen Graden der Schmerzensäusserung und mit der psychischen Kraft, diese
Schmerzensäusserung zu unterdrücken oder wenigstens in Schranken zu halten. Geringe Schmerzens
äusserung ist keineswegs identisch mit grösser Unempfindlichkeit; wie weit aber manchmal die
Torpidität der Individuen geht, ist bekannt genug. Der therapeutische Erfolg, welchen in einigen
Fällen Estländer und auch Pitha durch Jodkalium erzielten, kann ebenfalls nur eine schwache
Stütze sein für die Estlander’sche Auffassung. Jodkalium ist ja auch bei gewissen anderen
Krankheiten ein unschätzbares Mittel. Was nun noch die epidermoidale Verdickung der Ge
schwürsränder anbetrifft, so müsste man schon Estländer zu Gefallen und im Widerspruch mit
Virchow nicht eine Atrophie, sondern eine Hypertrophie als den Ausdruck eines Innervations-
defectes ansehen. Estländer sieht nämlich die epidermoidale Verdickung an als die Folge einer
trophischen Störung nach Analogie der reichlichen Production von Epithel auf der Cornea nach
Trigeminus-Durchschneidung. Diese Analogie wird — um von anderen Einwänden abzusehen —■
vollkommen hinfällig durch folgenden Fall: Ein junger Mann suchte nach überstanderer Schädel-
basisfractur die hiesige Augenklinik auf, um den hochgradigen Strabismus, der gleichzeitig in
Folge totaler Lähmung des M. rectus externus eingetreten war, beseitigen zu lassen. Im ganzen
Trigeminusgebiet der betreffenden Seite bestand vollkommene Anaesthaesie. Von der Strabotomie
empfand Patient Nichts. Nach einer Erkrankung der Cornea suchte man vergebens. — Scheint
es nicht viel einfacher und natürlicher, die epidermoidale Verdickung der Geschwürsränder als
den Ausdruck einer chronischen Reizung aufzufassen? Soll man denn den Umstand ganz ausser
Augen lassen, dass das Mal perforant mit Vorliebe seinen Sitz an den hervorragendsten, dem
Druck ausgesetzten Parthieen des Fusses nahm? Aber die Seltenheit der Affection steht ja in
keinem Verhältniss zu der Häufigkeit der mechanischen Ursachen, denen man ihre Entstehung
zuschreibt! Nicht alle Menschen kommen aber auch dem »Cessante causa cessat effectus«, der
ersten Forderung jeder rationellen Therapie, nach. Die vom Mal perforant Heimgesuchten waren
auch vermöge ihrer socialen Stellung nicht immer in der Lage, dieser Forderung nachzukommen,
selbst wenn sie überzeugt gewesen wären von der Tragweite derselben. Es waren zum grössten
Theil Leute, die den arbeitenden Classen angehörten, die, unter schlechten hygienischen Ver
hältnissen lebend, den Unbilden der Witterung ausgesetzt, ein Brod verdienen mussten, welches

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