Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

kürzeren oder längeren Zeiträumen. Die Haut wird nun mehr und mehr der Sitz einer 
diffusen Reizung, unter welcher sie sich verdichtet, aber zugleich retrahirt. Während Muskeln 
kett und Knochen atrophiren, schrumpft die harte und gespannte Haut um dieselben zu 
sammen. Später entstehen in dieser veränderten Haut neue Reizungen. Unter einer starken, 
kviden Röthung bilden sich partielle Entzündungsheerde, welche schnell erweichen und häufig 
einen gangränescirenden Character annehmen. Zuweilen beginnen sie an der Haut, greifen aber 
leicht und schnell in die Tiefe, oder sie beginnen vom Periost und führen zu Necrose. So kann 
eine Phalanx nach der anderen verloren gehen, bis nur noch ungestaltige Stümpfe an den Händen 
und Füssen übrig bleiben. Diese Ulcerationen, sagt Virchow schliesslich, gehen nicht aus Knoten 
hervor, sondern aus maligner Entzündung, die sich ganz nach Art der sogenannten, am meisten 
am Auge bekannten, neuroparalytischen Entzündungen in Folge von Anaesthesie entwickeln. 
■Nirgends kann man sich zuverlässiger überzeugen, dass der Innervationsdefect an sich keine Ent 
zündung hervorruft, sondern höchstens passive Vorgänge, Atrophieen. (Virchow’s Geschw. II 494.) 
Es leuchtet ein, dass für den von Nelaton beschriebenen Fall die Diagnose »Lepra« zu 
treffend ist. So leicht und deutlich aber, wie sie für diesen Fall sein mag, so schwierig dürfte 
die Diagnose sein für jene auf den Fuss beschränkt bleibenden Ulcerationen. Sie waren es ja 
au ch, die zu so verschiedenen Meinungen führten und als ganz besondere Krankheitsform in 
einigen chirurgischen Handbüchern eine Stelle fanden und daher unsere Polemik herausforderten. 
Estländer erklärt diese Fälle für die mildeste Form der Lepra anaesthetica und argumentirt so: 
®Das Mal perforant ist eine Krankheit, welche vorzugsweise in einem Lande diagnosticirt wurde, 
Wo Lepra beinahe ausgestorben ist, und es scheint mir natürlich, dass, wenn das Verhalten des 
Klimas und des Culturlebens der Bevölkerung, welches ehemals diese Krankheit hervorrief, im 
Nerlauf der Zeit geschwunden ist, sich gleichzeitig auch die Krankheit selbst veränderte und 
theils ganz und gar aufhörte, theils eine mildere Beschaffenheit annahm. Das schwerste Symptom 
lst fortgefallen, der Verlauf ist langsamer geworden und die furchtbare Gewissheit, womit sie 
früher ihre Opfer ins Grab führte, scheint ebenfalls aufgehört zu haben. Zu einer solchen 
milderen Form, welche theilweise ihren ursprünglichen Character eingebüsst hat, will ich diese 
Kicerationen rechnen. Die Benennung »Mal perforant« muss deshalb wegfallen und ersetzt 
Werden durch die richtige: Ulcus leprosum. Ein unbedeutender Epigone der früher so mächtigen 
Lepra kann die Natur des Leidens kaum noch erkannt werden, doch ist es berechtigt, diesen 
Karnen zu führen.« — Das klingt allerdings sehr bestechlich. Nichtsdestoweniger aber besitzt 
üiese Auffassung für uns Nichts, was uns die Ueberzeugung ihrer Richtigkeit aufzudrängen im 
Stande wäre. Wenn die Natur des Leidens kaum noch erkannt werden kann, so kann sie 
h°ch noch erkannt werden und zwar auf Grund der Symptomatologie. So lange man aber 
ßlc ht im Stande ist, durch die Symptomatologie die Identität dieser Geschwürsformen mit Lepra 
na chzuweisen, so lange ist die Berechtigung einer anderen Annahme mindestens nicht aus 
geschlossen. Abgesehen von den ätiologischen Momenten, die doch wegen der so ungewöhnlich 
häufigen Coincidenz mit Lepra immer eine gewisse Beachtung werden beanspruchen dürfen, 
^uss uns schon die historische Thatsache, dass die Lepra, mit Ausnahme der oben erwähnten 
gegenwärtigen geographischen Verbreitung, fast spurlos verschwunden ist in dem grössten Theil 
her gebildeten Nationen — zu denen die Franzosen, wenn auch gerade nicht ä la tete marschirend, 
hoch auch gerechnet werden müssen —- gegenüber der grossen Zahl der französischen Mit 
teilungen über das Mal perforant du pied, schon diese Thatsache, meine ich, muss uns von 
v °rne herein einnehmen gegen die Estlander’sche Auffassung. Den Einwand aber, es seien viele 
Mächte Fälle von Mal perforant du pied zur Beschreibung gekommen, können nur diejenigen 
Aachen, welche diese eigenthümlichen Ulcerationen durch die Brille einer vorgefassten Meinung
	        

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