Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

grosse Missverhältnis zwischen der Zahl der französischen Mittheilungen über diesen Gegenstand 
und der anderer Nationen. 
Den Nachweis nun einer gemeinsamen Ursache sowohl für die auf den Fuss beschränkt 
bleibenden als die zugleich an den Händen auftretenden Ulcerationen suchte — soweit meine 
Kenntniss reicht — zuerst Estländer zu führen in der »Nordisk med. Arkiv.« Bd. 2, Nr. 5- 
(Deutsche Kl. 1871, 17—19, Mittheilungen aus der neuesten dermatologischen Literatur Scandi- 
naviens). Er nennt sie Lepra anaesthetica. — Lepra, Aussatz, nicht von der Eruption der 
Krankheit, sondern von der Separatio leprosorum hergenommen, kömmt bekanntlich in ende 
mischer Verbreitung gegenwärtig in Europa nur in einzelnen Küstengegenden vor, am ausge- 
breitesten in Norwegen,' spärlich in Finnland, den russischen Ostseeprovinzen, an den Küsten 
des Mittelmeeres, des kaspischen und schwarzen Meeres. Doch fehlen auch nicht vereinzelte 
genuine Fälle in den centralen Theilen von Europa. Die eigentliche bestimmende Ursache dieser 
Krankheit ist nach Virchow noch nicht anzugeben. Indess verdient erwähnt zu werden, dass 
der allgemeine Genuss von schlechten Fischsorten oder verdorbenen Fischspeisen ungewöhnlich 
Läufig mit endemischer Lepra zusammentrifft. Lepra ist nicht ansteckend. Einwanderer in Aus- 
.satzländer werden von, der Krankheit befallen, wie es bei anderen endemischen Krankheiten der 
.Fall ist. Ortsveränderungen wurde schon früher ein wichtiger Einfluss auf die Abnahme der 
Krankheit zugeschrieben; unter den nach Amerika ausgewanderten Familien soll der Aussatz 
erloschen sein. Lepra kommt nie congenital vor, sondern entwickelt sich erst im Lauf der 
Jahre. Bidenkap sah sie nie vorm zweiten Jahre. Die Praedisposition zu dieser Krankheit ist 
erblich. Die Ueberzeugung hiervon war von jeher so sicher, dass man früher durch Eheverbote 
und Hodenexstirpation die Fortpflanzung der Aussätzigen zu verhindern suchte. Die Lepra ist 
characterisirt durch das Auftreten kleiner Knötchen, die den Granulationsgeschwülsten angehören, 
und in so fern, vom pathologisch-anatomischen Standpunkt aus, dem Lupus und der Syphilis 
anzureihen, ohne aber mit beiden verwandt zu sein. Je nach der Localisation dieser kleinen 
Knötchen in Haut und Schleimhaut oder in den Nerven unterscheidet man eine Lepra rubra und 
eine Lepra nervorum s. anaesthetica s. mutilans. Letztere nur kann uns hier interessiren. Die 
pathologisch-anatomischen Veränderungen dieser Lepraform bestehen nach den übereinstimmen 
den Untersuchungen von Carter, Daniellsen und Virchow in einer Granulationswucherung, die 
wesentlich vom interstitiellen Nervengewebe ausgeht, sich aber nicht selten mit einer erheblichen 
Veränderung des Neurilemms verbindet. Die Veränderungen beginnen manchmal dicht unter 
dem Neurilemm, das zuweilen in eine harte, schwielige, dicke Masse umgewandelt wird, und setzen 
sich von da zunächst in die grösseren Septa fort, welche das Nervenbündel in eine Reihe von 
kleineren Bündeln zerlegen. Aber die kleinzelligen Massen findet man nicht blos hier sondein 
auch überall zwischen den einzelnen Nervenprimitivfasern, dieselben umfassend und einwickelnd. 
So lange nicht die Nervenprimitivfasern durch Atrophie zerstört wurden, so lange kann, durch 
Fettmetamorphose dieses fremden Gewebes und Resorption desselben, Heilung eintreten. Es be 
greift sich, dass die Aufhebung der Function der betroffenen Nervenfasern mit ihrer fortschrei 
tenden Zerstörung parallel geht. Es darf ferner das Vorwiegen der sensiblen Paralysen über 
die motorischen nicht auffallend erscheinen, da die sensiblen Nerven mehr oberflächlich liegen, 
an den Zuständen der Haut näheren Antheil nehmen und den äusseren Schädlichkeiten mehr 
ausgesetzt sind. Zu den Folgezuständen dieser Lepraform gehören die bullösen Exantheme. Es 
sind Blasen von verschiedener Grösse, theils ganz klein, theils bis zur Grösse von Hühnereiern 
und darüber, mit einer trüben Flüssigkeit gefüllt, die schnell auffahren, bersten und entweder 
eine bloss desquamirende, oder eine oberflächlich ulcerirende Fläche zurücklassen. Sie sind oft 
solitär, finden sich hauptsächlich an den Extremitäten, um die Gelenke, und wiederholen sich in
	        

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