»Non licet jurare in verba magistri.«
Bis zu einem gewissen Alter besteht der Inhalt unseres Geistes fast nur aus dem, was von
aussen in ihn hineingelegt worden ist; von unserer Umgebung lernen wir den Gebrauch unserer
Sinne, werden wir geleitet in unseren Anschauungen und erhalten wir unser Urtheil, unsere
Ideen und Vorstellungen. Auf dieser Basis beginnt dann die eigene, selbständige geistige Thätig-
keit, vermittelst welcher wir theils das Alte, von aussen Eingepflanzte, uns zum Bewusstsein und
z ur Klarheit bringen, oder als falsch von uns werfen, theils- Neues schaffen und erringen. Der
Einfluss der anerzogenen Anschauungen und Vorstellungen aber, in Verbindung mit dem tief
lf n Gemüth des Menschen liegenden Bedürfniss der liebevollen Hingabe an das, was Aeltere,
als wir, erdacht und gesagt, was unsere Väter und die Geister der Vergangenheit geglaubt und
als Wahrheit hingestellt haben, ist so ausserordentlich gross, dass wir oft genug, beim Nach
denken über das Object der Beobachtung, unserer Geistesthätigkeit nicht das reine Object unter
legen, sondern die unbewusst eingeschlichene Vorstellung und Erklärung von dessen Wesen.
Was Wunder also, dass wir Menschenkinder, wenn diese Basis falsch war, in unseren Beobach
tungen, Forschungen und weiteren Folgerungen in grobe und zahlreiche Irrthümer verfallen
konnten! Wenn nun aber in keiner Wissenschaft die Fülle der in uns von aussen während der
Jahre der fast rein aufnehmenden Thätigkeit des Geistes gelegten Anschauungen und Vorstel
lungen so bedeutend ist, als in der Medicin, der Einfluss dieser anerzogenen Anschauungen und
Vorstellungen also auch hier ein um so grösserer sein muss, so mag darin ein grosser Theil der
Erklärung liegen dafür, dass auch in unsere Wissenschaft einmal eingeschlichene Irrthümer durch
Generationen hindurch ihre Gläubigen und ihre pietätvollen Nachbeter finden.
Das war auch das Schicksal des »Mal perforant du pied,« einer eigenthümlichen von den
Eranzosen zuerst beschriebenen Ulceration am Fuss, die sich unter diesem Namen als eine
Krankheit sui generis in die Chirurgie eingeschmuggelt hat. — Kaum hatte Nelaton im Fe
bruar des Jahres 1852 diese Ulceration, die älteren französischen Autoren schon bekannt gewesen
Zu sein scheint, als »affection singuliere des os du pied« in der »Gazette des Höpitaux« beschrie
ben und dadurch, erst die allgemeinere Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand gelenkt, als
schon im Februar desselben Jahres Vesigne 4 Fälle dieser Art in demselben Blatt unter dem
Kamen »mal plantaire perforant« veröffentlichte. Im Jahre 1855 hielt Leplat der Pariser Fa-
cultät .einen Vortrag über das »Mal perforant du pied;« eine Bezeichnung, w£lche auch Nelaton
später in seinen »Elemens de Pathologie chirurgicale« acceptirte, in demselben Jahre stellte
broca der Societe de Chirurgie einen solchen Fall vor. Weitere Mittheilungen erschienen 1856
1111 »Moniteur des Höpitaux« von Soule; 1857 ' n der Pariser Dissertation vonGorju; 1858 in der
*Gnzette des Höpitaux« von Dieulafoy; 1859 von Lecomte; 1864 von Delsol; 1865 in den
Wiemoires de medicine et de pharmacie militaires« von Bertrand und Potier-Duplessy; Ueber
2 ln der Klinik von Sedillot beobachtete Fälle berichtete Dr. Cochu in der »Gazette des Höpi-
Laux « und C. Folquet in seiner Dissertation: »De L’ulcere perforant du pied; Strassburg 1865.

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