Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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Geschichtliche Entwickelung der Lehre von der Myopie. 
Der optische Charakter des kurzsichtigen Auges beruht auf einer Verlängerung der 
Sehachse. 
Kepler hat durch seine Versuche mit der Camera obscura und seine Untersuchungen 
über die Wirkung concaver Gläser zuerst die Aufmerksamkeit hierauf gelenkt, und die ersten 
Verdienste um die Feststellung dieses Satzes. 
Bo er have führt noch als weiteres Merkmal eine stärkere Krümmung der Hornhaut 
als im normalen Auge an. — Durch die Spiegelversuche an der Hornhaut ist von Cramer 
und Helmholtz dargethan, dass die Cornea ihre Krümmung nicht verändere, und von Don- 
ders durch zahlreiche Messungen uachgewiesen, dass die Hornhaut-Krümmung myopischer 
Augen im Durchschnitt geringer sei, als die von emmetropischen und hypermetropischen Augen; 
die Behauptung Boerhave’s und nach ihm anderer Forscher also hinfällig. 
Was von dem Berechnungsindex der Hornhaut gilt, gilt auch insoweit von der Linse, 
als dieselbe nicht grösser ist in kurzsichtigen als in Augen anderen Refraktionszustandes. Auch 
diese Gewissheit verdanken wir Helmholtz und Donders. 
Das Hauptmerkmal ist also allein die Verlängerung der Sehachse. — Wodurch nun 
diese Verlängerung entstehe, ist Gegenstand vieler Untersuchungen gewesen und hat zuunanchen 
Controversen Veranlassung gegeben. Doch erst seitdem der Mechanismus der Akkommodation 
von den Herren Professoren, Hensen und Volkers genau erforscht und durch sie die Helm- 
holtz’sche Theorie volle Bestätigung gefunden; seitdem in dem Lichte dieser Erfahrungen die 
praktischen Ophthalmologen die vielfachen Befunde bei der Myopie studirt haben, beginnt das 
Dunkel, das so lange die Aetiologie der Myopie umhüllte, sich zu lichten. 
Arlt, ) welcher die Helmholtz’sche Akkommodations-Theorie nicht anerkennen wollte, 
und welcher glaubte, dass der Druck sämmthcher Augenmuskeln auf den Bulbus die Akkom 
modation, d. h. eine Verlängerung der Sehachse, auslöse, sagt über die Entstehung der Myopie: 
„Anhaltende, oft, lange und in kurzen Zwischenräumen wiederkehrende Akkommodation, 
und jugendliches Alter sind die Faktoren der Kurzsichtigkeit.“ 
Die anatomischen Veränderungen am hinteren Pole des Auges wurden zuerst von Scarpa 
gefunden und von Ammon auf die Häufigkeit derselben aufmerksam gemacht. Doch erst Arlt 
und Jaeger wiesen den Zusammenhang dieser Befunde mit der Myopie nach. 
Lach ihnen und Stell wag ist das Staphyloma posticum angeboren und ein Zeichen 
von schon bestehender Myopie, oder jedenfalls von Prädisposition für Myopie. 
Nachdem der Augenspiegel in Gebrauch gekommen, wurde von Graefe und Donders 
das Staphyloma posticum regelmässig als bei M. bestehend gefunden und von ihnen die Lehre 
aufgestellt, es sei das Resultat einer Entzündung, der Sclerotico, -.Chorioiditis posterior, welche 
Erweichung der Augenhäute zur Folge habe, und dadurch wieder Verlängerung der Sehachse 
des Auges. 
Die Lehre, die Donders über die Myopie und ihre Entstehung giebt, werde ich hier 
da sie doch von so hervorragender Bedeutung, und, trotz ihrer Irrthümer, die Grundlage aller 
späteren Forschung geblieben, in Kürze wiedergeben. 
Bei den eingehenden Untersuchungen, die er in jedem Zweige der Anomalien der 
Refraktion und Akkommodation angestellt, und den sorgfältigen Beobachtungsreihen, die er 
giebt, muss es auffallen, dass wir in dem Gebiete der M. so vielen Irrthümern, nicht allein im 
Raisonnement, sondern auch in der Beobachtung begegnen. 
) Arlt: Die Krankheiten des Auges. Prag i863. Bd. 3. S. 240.
	        

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