Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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Einleitung:. 
Seitdem die spekulative Philosophie aufgehört hat, die Grundlage aller forschenden 
Naturwissenschaften zu bilden, und seitdem an Stelle derselben die reine Empirie getreten, 
geht durch alle. Zweige der Wissenschaft, welche die Lebensverrichtungen der Organismen — 
und speziell des Menschen — zum Gegenstände hat, — das Streben hindurch, die complicirten 
schwer zu deutenden Gesetze des Lebens und ihre Offenbarungen, möglichst auf die uns aus 
her anorganischen Natur bekannten Gesetze — die mathematischen, physikalischen, chemischen 
'— zurückzuführen. 
Manchem Forscher ist es sicherlich schwer geworden, den Glauben an die Gesetze des 
Lebens, als. selbständig den Gesetzen der leblosen Natur gegenüberstehend, aufzugeben, und 
hie ersteren nur aus den letzteren zusammenzusetzen und abzuleiten; — es mag ihm wie eine 
Entweihung des Göttlichen in der Natur erschienen sein — aber gegen den Vortheil dieser 
Methode, als Grundgesetz alles Forschens, kann sich Niemand verschliessen. Sind ja an ihrer 
Hand in den letzten Decennien Fortschritte gemacht, wie unter dem jetzt verlassenen Principe 
Dicht in Jahrhunderten, 
In dem ganzen Gebiete der Physiologie des Menschen giebt es wohl keinen Theil, auf 
heu die neue Methode eine so ausgedehnte Anwendung fand, wie derjenige, der von den Funk 
tionen und der Thätigkeit des Auges handelt; — ganz natürlich, — weil hier die physikalischen 
Gesetze so offen zu Tage treten, und die Verhältnisse so annähernd einfach mathematische 
sind, wie an keinem anderen Gebiete des Körpers. — So sind denn auch die hier einschlagenden 
Verhältnisse: die Bewegungen der Augen, die Brechungsgesetze, die Akkommodation, auf das 
Genaueste studirt und erforscht, und die Grenzen des möglichen Vordringens fast erreicht. 
Nahe liegt es natürlich, von der Physiologie des Auges auch auf die Pathologie über 
zu greifen; und die vorliegende kleine Arbeit ist ein Versuch, pathologische Erscheinungen 
aus d en einfachen mathematischen und mechanischen Verhältnissen, die am Auge bestehen, 
zu erklären: — die pathologischen Erscheinungen, welche die Hauptbefunde bei der Myopie sind. 
Bevor ich jedoch auf die mir gestellte Aufgabe näher eingehe, halte ich es für wünschens 
wert!), einen kurzen üeberblick über die Entwickelung der Lehre von der Myopie zu geben: — 
Dicht, dass ich nicht das, was ich hier Vorbringen werde, als in den Hauptzügen bekannt 
voraussetze, sondern vielmehr um die Momente, auf die es für mich bei meiner Deduktion 
hauptsächlich ankommt, in ihrem Auftreten in der geschichtlichen Entwickelung der Myopie 
zu markiren.
	        

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