Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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gebildet hat. Das älteste Kind und ein anderes, jünger als unser Patient, sind einige 
Wochen alt gestorben, das jüngste Kind „hatte es am längsten gemacht“, war iy 2 Jahre 
alt geworden. Nur das zweitgeborne Kind lebt noch jetzt, ein Knabe von sieben 
Jahren. Auch er hat, 3 /.t Jahre alt, einen dicken Bauch und Verdauungsstörungen 
gezeigt, nach mehreren Jahren aber ist er völlig genesen und ist jetzt anscheinend 
durchaus gesund. Ob und wie viel Gewicht aut alles dieses zu legen ist, werden wir 
später sehen. Eine höchst unzweckmässige Ernährung der Kinder wird der Mutter 
von anderen zur Last gelegt und das ist jedenfalls zu beachten. Zu bedauern ist 
immerhin, dass keine der Kinderleichen secirt worden ist. 
Das Schicksal der Geschwister schien nun den A. jetzt erreichen zu wollen. 
Am 22. Februar er. hinzugerufen, fand ich den Knaben im Bett liegen mit bleichem 
Gesicht, die sulci nasolabiales, tief, wie man sie sonst bei Kindern nicht sieht, die 
gefaltete Stirn und die klagenden Augen zeugten von quälenden Schmerzen, der Bauch 
war aufgetrieben, besonders aber der Breitendurchmesser vergrössert, die Palpation 
sehr schmerzhaft, die Percussion ergab über den ganzen Bauch tieferen und helleren 
tympanitischen Schall. Von gleichmässiger Schallhöhe und zwar tiefer als am übrigen 
Bauche war ein grosses Gebiet, von der linken vorderen Axillarlinie fast in der Höhe 
der Mamilla an bis einige fingerbreit rechts vom Nabel hinüberreichend und in 
dieser Ausdehnung ungefähr eine Manneshand breit. Eine wenig beträchtliche Flüssig' 
keitsmenge schien auch im Bauche zu sein, jedenfalls gaben allemal die abhängigen 
Stellen gedämpften Schall. Die Nabelgegend leistete dem tastenden Finger geringeren 
Widerstand, als die übrige Fläche des Bauches und auffallend war mir eine scharfe 
Begränzung dieses Gebietes an einer Stelle rechts unten vom Nabel, ungefähr iy 2 Zoll 
von demselben entfernt, wo ein bogenförmiger festerer Ring in der Bauchwand 
den Beginn des resistenteren Gebietes bezeichnete. Dieser Bogen entsprach ungefähr 
dem 1 Zoll langen Segment eines Kreises, dessen Mittelpunk der Nabel bildete. An 
allen anderen Punkten ging die nachgiebigere Nabelgegend mehr allmählig in die 
festere Umgebung über. Dabei traten die Venen in der Oberbauchgegend deutlicher 
als sonst hervor. 
So erschien der Bauch in den schmerzfreien Intervallen. Diese dauerten nie 
mals lange. Sass ich zehn Minuten neben dem Knaben, so hatte ich jedesmal Gelegen 
heit, mehrere Schmerzparoxysmen zu beobachten. Ein lautes Kollern liess sich hören, 
wie wenn ein Schoppen dünnflüssiger Masse aus einem lufthaltigen Darmstück in ein 
anderes lufthaltiges mit Gewalt getrieben würde, dann folgten krampfhafte Contractionen, 
wie es schien, des ganzen Darmes, sechs bis acht faustgrosse Knollen zeichneten sich 
unregelmässig, ihre Gestalt mannigfach verändernd auf dem Bauche ab, dabei biss 
der Leidende die Zähne zusammen, bohrte den Kopf krampfhaft in’s Kissen ein , das 
Gesicht nahm einen noch weit klagenderen Ausdruck an, als bisher, oder auch der 
Knabe wimmerte laut. Nach etwa zehn Secunden war dann die Scene vorüber, bis
	        

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