Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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Diese Veränderungen in der Form und dem Raumgehalt der Brusthöhle, sowie in der 
vitalen Lungencapacität und der mittleren vitalen Athemlage der Lungen gehen in demselben 
Augenblicke vor sich, in welchem die aufrechte Körperstellung mit der horizontalen Rückenlage 
vertauscht wird oder vollziehen sich wenigstens in kürzester Frist. 
Gehen wir von den auf rein physiologischem Gebiete gemachten Untersuchungen über zu 
den Beobachtungen, die am Krankenbette ängestellt sind, dann begegnen wir einer Reihe von 
Erscheinungen, welche uns nothwendig zu der Annahme führen, dass im Liegen der Raumgehalt 
des Thorax vermindert und die inspiratorische Erweiterung desselben erschwert ist. Am bekanntesten 
ist die Erscheinung, dass Kranke mit hochgradiger Dyspnoe die horizontale Rückenlage meiden, 
so lange sie besinnlich sind. Sie suchen ihren Oberkörper zu heben durch Unterschieben von 
Kissen und zwar um so mehr je höher der Grad von Athemnoth ist, so dass sie endlich gar sich 
ganz vorrüber beugen. 
Traube hat aus dem Winkel, welchen der Oberkörper hierbei mit dem Horizont bildet, 
sogar den Grad der Dyspnoe bestimmen wollen. Die Ursache des Hufthungers, welcher die 
gezwungene Aufrechthaltung des Thorax erzeugt, ist hierbei ganz gleichgültig. Ueberall sehen 
Wir dieselbe Erscheinung. Sei es, dass eine Verengung der Luftwege, ein rasch wachsendes 
Pleuraexsudat, ein plötzlich aufgetretener Preumothorax oder eine übermässige Ausdehnung des 
Bauchraums ein Hinderniss für den Lufteintritt abgiebt; sei es, dass ein nicht genügend compen- 
sirter Herzfehler eine arterielle Anämie erzeugt. Sei es, dass durch übermässige Körperanstren 
gungen eine so grosse Menge von Sauerstoff verbraucht ist, dass derselbe selbst durch die kräf 
tigsten Athmenbewegungen nich,t sofort ersetzt werden kann. Sei es, dass durch pathologische 
Veränderungen der Blutmasse selbst diese ausser Stand gesetzt ist ihre Aufgabe beim Athmungs- 
.process dann noch zu erfüllen wenn auch nur geringfügige Mehrforderungen an sie gestellt 
Werden. 
Eine Erklärung dieser allbekannten Erscheinung der Orthopnoe ist von Traube versucht 
worden. Diese an und für sich zwar richtig, kann aber nicht für ausreichend erklärt werden. 
Traube sagt: die Ausdehnbarkeit des Thorax ist in aufrechter Stellung vollständiger als in jede r 
anderen. In der Rücken- oder Seitenlage belastet der Kranke die Rücken- oder Seitenfläche seinesBrust- 
k astens mit einem Theileseines Körpergewichtes, wodurch die Summe der Widerstände, welche bei der 
Erweiterung des Brustkastens zu überwinden sind, vergrössert wird. Ausserdem kann der Kranke 
im Sitzen Muskelkräfte in Wirksamkeit setzen, welche sonst unbenutzt bleiben z. B. die mm. 
pectorales. Ein anderer Muskel welcher in aufrechter Stellung nach Anstemmung der Arme zur 
Hebung der Rippen verwandt wird, ist der mächtige m. serratus anticus. 
Eine andere Beobachtung, welche häufig auf der hiesigen Klinik und auch von Quincke 
in einer Reihe von Fällen gemacht wurde, findet ihre Erklärung zum Theil wenigstens in den 
oben dargelegten Verhältnissen des Thorax. Es treten nämlich in zahlreichen fieberhaften Krank 
heiten, welche die betreffenden Individuen zu anhaltender Rückenlage zwingen, sehr bald Symp 
tome auf, welche auf eine Störung in der Function der Athmungsorgane schliessen lassen. Oft 
gelingt es in solchen Fällen eine Verdichtung der hinteren und unteren Theile einer oder beider 
Lungen nachzuweisen. Früher war man geneigt, solche Verdichtungen der hinteren Lungen 
abschnitte für die Folgen sogenannter hypostatischer Infiltraption zu halten. Traube wies zuerst 
von deutschen Klinikern beim Typhus abdominalis nach, dass es sich in diesen Fällen nicht um 
eine Einlagerung eines Exsudates in die Lungenalveolen handle, sondern dass die Verdichtung 
die Folge sei vom Verschwinden der Luft aus den Alveolen. Als die Ursache dieses Lungern 
collapses sah er die combinirte Wirkung einer Verstopfung der Bronchien durch katarrhalisches 
Secret und einer Raumbeengung der Brusthöhle durch meteoristische Auftreibung des Unterleibes 
an. Andere Beobachtungen zeigen, dass der Lungencollaps mit seinen Folgen ganz ohne eine 
Primäre Erkrankung des Lungengewebes bei fiebernden Kranken, welche beständig in der Rücken-
	        

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