Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

So viel geht aus diesen spirometrischen Untersuchungen mit Sicherheit hervor, dass im 
Liegen die Exspiration weniger ergiebig ist als im Stehen. Wir erfahren durch sie aber nicht 
Worin diese hemmende Wirkung der Rückenlage auf die Excursion der Lungen besteht. Immerhin 
denkbar, aber durchaus unwahrscheinlich wäre, dass im Liegen nur die Bewegungen des Thorax 
und der Lungen oberflächlichere sind, weil lediglich die Arbeit der Muskeln erschwert ist. Aber 
diese Beobachtungen allein berechtigen uns auch nicht anzunehmen, dass der Uebergang aus der 
aufrechten Körperhaltung in die horizontale Rückenlage Verschiebungen der Wandtheile des 
T- horax mit sich führt, welche den Raumgehalt des Brustkastens direct vermindern und so die 
Lungen der Exspirationsstellung nähern. Die später zu erwähnenden Messungen und Untersuchungen 
Werden, wie ich hoffe, genügenden Grund zu der Annahme geben, dass diese Verhältnisse wirk 
lich eintreten. 
Diesem Resultate näher führt eine Arbeit, welche Quinke in der Berk kl. Wochenschrift 
i 87o, Nr. 2i veröffentlicht hat. Inderselben sucht dieser den Grund der bei Kranken, welche Bett- 
J uhe beobachteten, nachgewiesenen Retraction der Lungenränder in einer geringeren Energie der 
Kespirationsmuskeln, welche den Thorax in einer mittleren, dem Exspirium näher gelegenen 
Stellung erhielten. Er versuchte diese Annahme durch Messung des Thoraxumfanges dieser 
Kranken zu beweisen und konnte wirklich bei einigen in der Reconvalescenz mit der Zunahme 
der Kräfte eine Vergrösserung des Thoraxumfanges um einige Cm. nachweisen. 
Weitere directe Untersuchungen des Thorax und seines verschiedenen Raumgehalts im 
Liegen und Stehen sind nicht bekannt geworden. Schon vor einer Reihe von Jahren aber hat 
111 Ln hochverehrter Lehrer, Herr Professor Bartels, diesem Gegenstände seine Aufmerksamkeit 
z ugewandt und Messungen verschiedener Durchmesser des Thorax und des Bauches angestellt, 
Welche ihn dahin führten anzunehmen, dass im Liegen die Stellung des Brustkastens sich der- 
artig verändert, dass sein räumlicher Inhalt vermindert wird; und dass Veränderungen in der Lage 
der Baucheingeweide durch ein Hinaufdrängen des Zwerchfells in demselben Sinne wirken. 
Mit der liebenswürdigsten Freundlichkeit übergab mir mein verehrter Lehrer diese seine 
Arbeiten, um sie nach Hinzufügung einiger eigener Messungen zu diesem Zwecke zu verwenden. 
Lht der grössten Freude benutze ich diese Gelegenheit dem treuen Rathgeber und Helfer während 
Weiner Studienzeit ein schwaches Zeichen meines innigsten Dankes zu übergeben. 
Die Veranlassung zu einer Untersuchung dieser Verhältnisse des Thorax gab schon vor 
Un gefähr 20 Jahren ein interessanter Criminalfall. Es war nämlich ein notorischer Wilddieb als 
der Tödtung eines im Walde erschossen gefundenen Försters verdächtig in Untersuchung gezogen. 
Ler Vertheidiger machte vor Gericht geltend, dass das doppelläufige Gewehr des Försters, dessen 
Kugelläufe entladen waren, neben der Leiche gelegen hatte, dass also der Tod des Mannes auch 
durch Selbstmord oder durch eigene Unvorsichtigkeit herbeigeführt sein könne. Die Eingangs- 
dffhung des Schusscanals befand sich in der Mittellinie des Körpers unterhalb des Schwertknorpels, 
die Ausgangsöffnung dagegen hart neben der Wirbelsäule und zwar an der ausgestreckt auf den 
Kücken liegenden Leiche in nahezu senkrechter Richtung unter der Eingangsöffnung. Für die 
Lertheidigung war es wichtig zu ermitteln, ob die Kugel, wenn der Erschossene in aufrechter 
Körperhaltung getroffen worden wäre, den Körper in der Richtung von oben nach unten oder in 
horizontaler Richtung oder in der Richtung von unten nach oben durchschlagen hätte. Oder 
^'t andern Worten hiess dies: ob ein Punkt in der hinteren Medianlinie des Körpers, welcher be 
au sgestreckter Rückenlage senkrecht unter einem bestimmten Punkte in der vorderen Medianlinie 
h e gt, also den hinteren Endpunkt des sagittalen Durchmessers eines idealen Querschnittes durch 
( Ln liegenden Körper auf der Höhe jenes vorderen Masspunktes bildet, nothwendigerweise auch 
hei aufrechter Körperstellung in gleicher horizontaler Ebene mit diesem Punkte sich befinden 
Wüsse. Herr Professor Bartels nahm um die ihm vorgelegte Frage beantworten zu können an 
e 'ner Anzahl junger kräftiger Männer Messungen vor und fand schon damals, dass die hinteren
	        

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