Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

zugleich bei aufrechter Stellung des Körpers sein eigenes Gewicht, d. i. die ganze vordere 
Körperhälfte zu tragen. Je mehr der Rumpf gegen den Horizont geneigt wird, desto mehr fällt 
diese Function weg. Liegt der Brustkorb tiefer als der Leib, so tritt sogar das umgekehrte Ver- 
hältniss ein. Der Brustkorb braucht nicht allein nicht mehr gehoben zu werden, sondern er 
wird sogar durch seine eigene Schwere und diejenige der Bauchdecken und deren Inhalt nach dem 
Kopf hin gedrückt. Da nun aber die Umwandlung der aufrechten Stellung in eine andere die 
Elasticität (und den Tonus) der Rippenheber, also auch ihre Kraft und ihr Bestreben, die Rippen 
zu heben und so den Thorax zu erweitern, dasselbe bleibt, so wird der Thorax in jeder ge 
neigten Stellung des Rumpfes mehr gehoben werden, als in aufrechter und zwar ungefähr pro 
portional der Neigung. Der Thorax steht im Liegen mehr in Inspirationsstellung als im Stehen.“ 
Gegen die Voraussetzungen, auf welche sich diese Ansicht stützt, lassen sich manche Be 
denken wohl erheben. So ist es nicht wahrscheinlich, dass der Thorax in der Rückenlage durch 
seine eigene Schwere und diejenige der Bauchdecken 'und dem Inhalt des Bauches nach dem 
Kopf hingedrückt wird. Es wird im Gegentheil wahrscheinlich, dass die Rippen, welche in einem 
nach Oben offenen und abwärts stets grösser werdenden stumpfen Winkel an der Wirbelsäule 
befestigt sind und durch ein Drehgelenk mit demselhen articuliren, den entgegengesetzten Weg 
einschlagen werden. Auch der Einfluss, den die Veränderungen, welche die Krümmungen der 
Wirbelsäule im Liegen erleiden, auf die Bewegungen der Rippen ausüben, wird sich in anderem 
Sinne geltend machen. 
Wichtiger als alle theoretischen Erörterungen aber sind die exacten Untersuchungen, 
welche Hutchinson, Panum, Wintrich, Quincke veröffentlicht haben und welche für das Gegentheil 
der in der genannten Arbeit aufgestellten Ansicht sprechen. Bei Gelegenheit spirometrischer 
Untersuchungen kamen die drei erstgenannten Forscher zu dem gleichen Resultat, dass im Liegen 
eine geringere Menge Luft nach tiefster Inspiration ausgeblasen werde als im Stehen. Hutchinson, 
der Erfinder der Spirometrie, fand bei seinen Untersuchungen über die vitale Lungencapacität, 
dass er selbst in der Rückenlage eine geringere Menge von Luft nach tiefster Inspiration aus- 
zuathmen vermochte, als im aufrechten Stehen oder im Sitzen (30 resp. 25 Cubikzoll weniger). 
Wintrich, der nach seiner eigenen Angabe ein breitschultriger und muskelstarker Mann ist, exspi- 
rirte im Stehen und Sitzen 4040 Cc., auf dem Rücken liegend aber athmete er mit vollster 
Kraft immer nur 4020 Cc. Aehnliche Resultate erhielt er an sehr kräftigen Soldaten. An 
schwächlicheren Menschen aber machte sich der Unterschied sehr auffallend bemerkbar. Bei 
diesen betrug derselbe sogar 400 bis 600 Cc. Panum beobachtete Aehnliches, als er seine Unter 
suchungen über die physiologischen Wirkungen der comprimirten Luft vorbereitete und den 
Einfluss der verschiedenen Körperstellungen auf die mittlere vitale Athemlage der Lungen er 
forschte, d. h. auf denjenigen Theil der disponiblen Lungencapacität, mit dem das Athmungs- 
geschäft bei ruhigem Athmen besorgt wird. Er fand hierbei, dass alle von ihm untersuchten 
Personen im Stehen mit stärker gefüllten Lungen athmeten, als im Liegen oder Sitzen; und in 
der Regel wurde im Liegen mit noch weniger gefüllten Lungen geathmet als im Sitzen. Es 
wurde also durch das Niederlegen die mittlere vitale Athemlage der Lungen der Exspirations 
stellung zu verändert. Panum selbst erkannte die Bedeutung dieser Thatsache für die Pathologie 
und machte auf dieselbe aufmerksam. Diese Untersuchungen Panum’s hat unter Quincke’s Leitung 
.später J. Pfahl (Inaugural-Dissertation, Bonn 1870) bei gesunden Personen wiederholt und auch 
auf Kranke ausgedehnt. Er fand, dass bei Beiden im Liegen die mittlere vitale Athemlage der 
tiefsten Exspirationsstellung mehr genähert wird als der tiefsten Inspirationsstellung. Seine Kranken 
exspirirten nach tiefster Inspiration im Liegen um 100 bis 300 Cc. weniger als im Sitzen. 
Alle diese Beobachter erwähnen, nur die einfache Thatsache, dass im Liegen weniger 
exspirirt würde, als im Stehen und Sitzen. Worin sie die Ursache dieser eigenthümlichen Er 
scheinung suchten, welche jedenfalls ihre Aufmerksamkeit erregte, das melden sie nicht'.
	        

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