Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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durch, bis er gegen Schluss desselben einen neuen Anfall erlitt, dessen Nachwehen 
er schwer überwand. Sein altes Leiden, die Schlaflosigkeit und deren Folgen, eine 
grosse nervöse Ermattung, zeigten sich sehr hartnäckig. Er erholte sich beim Beginn 
dieses Sommersemesters langsamer als er pflegte. 
Da kamen die Pfingsten und die jährliche Versammlung des hansischen Ge- 
schichtvereins, dem er mit Eifer angehörte. Sie war nach Bremen ausgeschrieben. 
So wie er die Jahre vorher nach Lübeck und Braunschweig gegangen und mit 
schönen Eindrücken heimgekehrt war, so hofte er auch von dieser Fahrt nach der 
alten Weserstadt leibliche und geistige Erfrischung. Am Pfingsttage reiste er von 
Kiel ab; den in Uelzen mit ihm zusammentrefFenden Vereinsgenossen erschien er be 
sonders munter und angeregt. Aber am Abend des 26. Mai erkrankte er in Bremen 
an einer Lungenentzündung. Der Kieler College Theodor Möbius war ihm zunächst 
ein treuer Beistand; am Freitag kam die Gattin zur Pflege herbei. Die Krankheit 
schien regelmässig und gut zu verlaufen, bis am Sonntag Morgen die Wendung zum 
Tode eintrat. 
Er verbrachte den Nachmittag in Phantasien; seine Studenten, die Vorbereitung 
zu neuer Thätigkeit für sie giengen durch die Fieberträume. 
Am 31, Mai Abends IOV2 Uhr starb Rudolf Usinger. Am Nachmittag des 
2. Juni ward seine irdische Hülle in dem Familienbegräbniss zu Nienburg an der Seite 
des Vaters beigesezt. — 
W T ir haben in Kiel die Nachricht seines Todes, welche die meisten ganz unvor 
bereitet traf, mit inniger Trauer empfangen. Alle die dem verstorbenen näher stunden, 
vorzüglich seine Schüler, waren tief erschüttert. Wir sahen ein Leben durchschnitten, 
das ein beständiger Kampf um das Dasein gewesen war und das dennoch durch 
eisernen Willen und bewustes Streben bleibende Früchte getrieben hat. Aus unserer 
Mitte war ein bedeutender Mensch geschieden, ein tüchtiger Gelehrter, ein eifriger 
Lehrer, ein treuer Freund. In seinem Wesen, das durch sein Leiden zuweilen schroff 
und reizbar erschien, lag ein goldreiner Kern, eine grosse Kindlichkeit, die oft ganz 
überraschend hervorbrach. — Er ist gestorben, aber er hat gewirkt dass er fortlebe.
	        

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