Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

in flüchtige Berührung mit ihm traten, mochte vielleicht nicht zunächst seirt 
frommer Ernst in die Augen fallen, sondern vielmehr sein heitrer Sinn. Wie hat 
er so gern auf die kleinen Thorheiten der Menschenkinder in ihrer Nichtigkeit 
hingewiesen mit heitrem Scherz; aber sollte nicht gerade dieser fröhliche Sinn, 
der sich von jenen Verkehrtheiten nicht verbittern lässt, sondern sie belächeln 
kann, Zeugniss ablegen von einem versöhnten Gemüth, welches mit Gott und Menschen 
in Frieden lebt? Und solche versöhnte Stimmung, legt sie uns nicht die Vermuthung nahe, 
dass frommer Glaube der ernste Hintergrund ist, auf welchem sich die Fröhlichkeit hell 
nnd wohlthuend abhebt für Jeden, der ihr begegnet ? dass es sich bei unserm Todten 
so verhielt, davon wissen uns die Seinen zu erzählen: Der nach Aussen hin solche 
Heiterkeit zeigte, war im Hause vor Allem still und ernst; fest und unerschütterlich 
hielt er sich an den Glauben der Väter; das Wort Gottes und die Gesänge unserer 
Kirche waren ihm wohlvertraut; auf seine Weise verfolgte er mit lebhafter Theilnahme 
die Bewegungen unsrer Zeit und wo es für ihn den Anschein hatte, als könnten der 
Glaube unsrer Väter und die fromme Sitte unseres Volks unter neuen Ordnungen 
Schaden leiden, da hat er seine schmerzlichen Besorgnisse nicht verhehlt; und solche 
Freude ihm der Verkehr mit seinen Enkelkindern gewährte, bis in die letzten Tage 
seines Lebens hinein hat er es nicht versäumt, die lieben Kinder auch dann, wenn sie 
für den Augenblick zu keinen Besorgnissen, sondern vielmehr zu schönen Hoffnungen 
Anlass gaben, ernstlich ' zu vermahnen zu fernerem guten Wandel auf allen ihren 
Wegen: ja wohl, ein frommer Knecht! Sonst wird es uns oft schwer, den Irrthum 
zu zerstreuen, als könnte die Frömmigkeit der Ursprünglichkeit eines Menschenlebens 
schaden, aber lasst nur die liebe wohlbekannte Gestalt unseres Entschlafenen euch 
vor Augen treten und alle solche irrigen Vorstellungen müssen schwinden, er war —- 
gestattet mir den Ausdruck zu gebrauchen, der sich mir unwillkürlich auf die Lippen 
drängt, — er war ein Original, und lebhafter als sonst ergreift uns an seinem Sarge 
die Empfindung, dass der Verlust jedes ursprünglichen und eigenthümlichen Menschen 
unersetzlich ist. Und fragen wir nach Bewährung des Christenglaubens in allen sitt 
lichen Verhältnissen der Menschen untereinander, so müssen wir sagen: er war wie 
ein frommer, so ein getreuer Knecht! 
Wenn die Seinen uns davon erzählen, wie ihr Vater die lange kränkelnde 
Gattin so oft auf seinen Armen nach einer Stätte trug, die mehr als das Haus ihr 
Erquickung zu bieten versprach, was ist es anders als ein Bild der Treue, was wir 
da vor uns sehn? Wenn seine Kinder, die sein hohes Alter auf das herannahende 
Ende des Vaters längs vorbereitet haben musste, doch noch so schwer an seinem Ver 
lust zu tragen haben, woher kommt es? Sie haben einen treuen Vater verloren. 
Was ist die Ursach, dass uns beim Rückblick auf seine Lebensarbeit der Ausdruck Ge 
wissenhaftigkeit zu kühl, das Wort Pflichterfüllung zu kalt vorkommt und allein das 
warme Wort der Treue Genüge leistet? Alle Verhältnisse, in denen er diente
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.