Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

12 
und dialektisch, wie alle menschlichen Dinge sind, zugleich wieder eine grosse Gefahr 
für das Ganze, die Gefahr nemlich, dass der Organismus der Wissenschaft zerfällt, 
der doch nur in der Einheit, und wesentlichen Zusammenfassung gedeihen kann. 
Schon theoretisch angesehen hängen alle Wahrheiten mit allen innig zu 
sammen; Eine dunkle, leere Stelle wirft alsbald ihren trübenden Schatten auch auf 
die Umgebung, während jedes gewonnene Licht sogleich weiterhin Helle und Anregung 
verbreitet. Noch viel wichtiger aber ist das praktische, im Verlauf geradezu sitt 
liche Moment, das hier in Frage steht. Durch die allzuabschliessende Beschränkung 
auf ein einzelnes Fach, durch die rück- und umsichtslose Pflege nur Einer Disciplin 
bleibt von der in sich ganz und harmonisch angelegten Menschennatur ein gutes Stück 
ohne Anbau und pflegende Kultur brach liegen. Rasch schiesst dann auf diesem leeren 
Boden der spezifische Fehler aller und jeder Bornirung auf: Die Einbildung, welche 
nur Sinn und Werthschätzung für das Eigene, für die Arbeit des näheren oder ferneren 
Nachbars aber nur Geringschätzung, wo nicht gar Verachtung hat, als ob auf dem 
reichen Feld des Geistes nicht viele, völlig unter sich gleichberechtigte Arbeiter er 
forderlich wären. Auch wo das spezielle Fach noch wirklich wissenschaftlichen Sinnes 
betrieben wird und nicht heruntersinkt zu der Banausie des „Brodstudiums“ — als 
ob „der Menschengeist lebte von Brod allein* 1 ! —, droht hier die dringende Gefahr, 
bei aller scheinbaren Blüthe der Wissenschaften direkt der Unkultur zu verfallen — 
denn diese ist etwas wesentlich Praktisches, neben vielem Wissen und grosser Ver 
standesbildung Mögliches: ihr innerstes Wesen ist die egoistisch bornirte, daher in 
tolerante Einbildung, welche nichts Fremdes mehr aufrichtig achtet. 
Gegen solche, schliesslich verderbliche Zersplitterung den möglichsten Gegen 
druck auszuüben, wäre vor Allem die Philosophie mit ihrer universalen Bestimmung 
und Tendenz berufen. Als „Liebe zur Weisheit“ überhaupt, als egoos, wie Plato so 
sinnig sie mythologisch definirt, wäre es ihr Amt, direkt und indirekt als Band der 
auseinanderstrebenden, nur in der Einheit vollkommenen Wissenschaften zu wirken. 
Wer durch sie einmal den Blick und Sinn fürs Ganze der wissenswerthen Wahrheit 
sich hat aufschliessen lassen, der wird ihn fortan behalten, auch wenn er sich einem 
einzelnen Fach oder Berufszweig mit dervollen spontanen Kraft hingibt. Receptiv 
wird er nicht minder für alles erreichbare Andere sich ein offenes, warmes Interesse 
bewahren, was eben der Ehrenschmuck des wahrhaft durchgebildeten Geistes ist und 
ob es auch keinen greifbaren d. h. sinnlichen Vortheil bringt. Stolzen Sinnes sprach 
schon Aristoteles vornemlich von der Philosophie: Die reine ösu^lu ist das Schönste, 
weil sie nichts „nützt“! 
In dieser Ermöglichung und Anbietung einer mehr als einseitigen, sagen wir 
immerhin einer gewissen philosophischen Bildung natürlich im weiteren Sinn des 
Worts, lag bisher, wie schon der Name es andeutet, Werth und Ziel im deutschen 
„Universität“ als einer universitas literarum. Sie ist keineswegs nur ein äusserliches
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.