Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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formell und technisch. Verlangt man sonst überall Vorarbeit und Einübung oder 
gestattet nicht Jedem, über Alles aus dem Stegreif und sog. gesunden Menschenver 
stand mitzureden, so gilt diese Forderung auch für die Philosophie und jene Fälle 
ihrer obschon unbewussten und ungewollten Anwendung. 
Vielen wird es freilich seltsam Vorkommen, wenn gerade in unsrer Zeit einer 
antiphilosophischen Richtung dieser stolz scheinende Anspruch für die Philosophie 
erhoben wird, in solcher Weise universale Beziehung, Bedeutung und Wichtigkeit für 
schlechthin alle Wissensfächer zu besitzen. Indess, von Ueberhebung irgend welcher 
Art kann doch keine Rede sein. Einmal ist ganz besonders das philosophische Unter- 
scheidungs- und Abstractionsvermögen so gut geschult, dass es ihm weit weniger als 
andern (und keineswegs blos den kirchlich - hierarchischen!) Kreisen passirt, Idee 
und Wirklichkeit, wesentliches Ziel der Wissenschaft einerseits, und ihre empirische 
Verwirklichung oder gar vollends ihre zufälligen persönlichen Träger andererseits 
miteinander zu verwechseln. Im Gegenteil, je grösser die Aufgabe vor Einen tritt, 
desto bescheideneren Sinnes wird sich der Einzelne sagen müssen, in welchem Miss- 
verhältniss die Gabe des Individuums, sei es Lebensdauer oder Arbeitskraft dazu 
steht. Nur zwei Männer ausserordentlicher Art sind in der Geschichte bekannt, welchen 
es annähernd gelang, der Idee gemäss mit ihrem philosophischen Denken die poly 
historische Fülle eines umfassenden Einzelwissens harmonisch zu verbinden: Es ist 
unter den Alten der Grieche Aristoteles, unter den Neuen der Deutsche Leibniz. 
So zweifellos derartige Hochbegabungen die grösste Seltenheit in der Geschichte sind, 
so gewiss fürs Andere das Gebiet der Detailwissenschaften auch gegenüber von ihrer 
Zeit sich riesig erweitert und damit die Zusammenfassung noch bedeutend erschwert 
hat, so ist doch auch wieder zu sagen: Die Wissenschaften erweitern sich nicht allein 
in ihrem Fortschritt, sie vereinfachen und erleichtern sich dadurch auch; manches 
dornige Gestrüpp fällt durch die Arbeit des redlichen Einzelforschers für immer weg, 
die mehr und mehr gesicherten Resultate werden zugänglicher für das receptive 
Lernen, dem sich nun gewiss auch der Philosoph, sei es gleich mit massvoller per 
sönlicher, durch Andre auszugleichender Beschränkung auf einige ihm besonders nahe 
liegende Fachdisciplinen (Theologie, Medicin u. A.), schlechterdings nicht entziehen 
darf. Denn „Begriffe ohne Anschauungen sind leer;“ und derartige übrigens wohl 
vermeidliche sachliche ünkenntniss oder Spielerei mit blossen Begriffen hat seinerzeit 
gerade diese angewandte Philosophie in Verruf gebracht. 
Es lässt sich beim Blick auf den gegenwärtigen Stand des wissenschaftlichen 
Gesammtlebens nicht verkennen, welch’ schöne und überaus werthvolle Aufgabe hier 
mit der Philosophie gerade in unserer Zeit obliegt. Das Princip der Arbeitstei 
lung, vom industriellen oder nationalökonomischen Boden auch aufs geistige Gebiet 
verpflanzt, erweist sich immer stärker und ausgedehnter, um unleugbar grosse, hoch- 
anerkennenswerthe Einzelresultate zu erreichen. Allein eben darin liegt, zweischneidig
	        

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