Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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Umblick den Begriff der Wissenschaft überhaupt als Eines untrennbaren Organismus 
gegen alle Trübung klar zu stellen und das Gebiet dieses Kreises so in Segmente zu 
theilen, dass jedes Fach nach seinem Recht und seiner Bedeutung im Zusammenhang 
des Ganzen erscheint. Sondern die Philosophie hat in dieser Weise noch viel specieller 
auf die einzelnen Fakultäten einzugehen und geradezu einer Jeden dienstwilliges 
Interesse zu schenken. Weit entfernt z. B., dass sie zu der Naturwissenschaft einen 
Gegensatz bildete, fallen vielmehr deren stets angewandte Grundbegriffe, wie Kraft, 
Stoff, Kausalität, Eigenschaft u. A. geradewegs in ihren Ressort. Ebenso mag sie als 
Philosophie der Mathematik nicht nur Raum und Zeit, sondern noch manche andre, 
hier stets mit Recht voraussetzungsmässig wiederkehrende Momente behandeln. Sie 
soll als Philosophie des Rechts, der Religion und ihre Geschichte, der Profangeschichte, 
der Sprache zu den betreffenden Fachstudien den anregenden Beitrag geben; selbst 
die verhältnissmässig jüngste und modernste Wissenschaft unserer Zeit, die National 
ökonomie enthält formell an ihrem Werkzeug der Statistik, und materiell an mehreren 
ihrer Grundbegriffe wesentliche Anknüpfungs- und Berührungspunkte zu philosophischer 
Vorbetrachtung. So wenig ist die Philosophie nur etwa, wie man es empirisch oft ansieht, 
ein Anbau an die Theologie, bezw. je nach Umständen und Geschmack ein Mauer 
brecher von deren Tempel, wobei man statt der Philosophie in ihrem ganzen Umfang 
offenbar stets blos an das Centrum Metaphysik denkt. — Von diesen förmlichen 
philosophischen Fachdisciplinen abgesehen ist auch eine leichter geschürzte Anwendung 
derselben sogar auf Tagesfragen Recht und Pflicht für sie, um in dem oft qualmenden 
Gunst der Leidenschaften die Fackel ruhiger Erkenntniss nach Kräften zu leihen. 
Eine solche „Wissenschaftslehre“ (im weiteren und freieren Sinn des 
Worts) betrachte ich nun, ohne die anderen Theile irgend ignoriren zu wollen, als 
die Hauptaufgabe, welche die Philosophie der Gegenwart in den 
Vordergrund zu stellen hat. Es fällt mir dabei nicht von Ferne ein zu glauben, 
dass diess eine neue, noch nie versuchte Aufgabe und Arbeit sei. Insbesondere hat 
Hegel und seine Schule in jener auf geschlossene Ganzheit ausgehenden Energie es 
versucht, die logisch - metaphysischen Grundgedanken rücksichtslos überall durchzu 
führen und sämmtliche Partialwissenschaften in ihren Bereich zu ziehen. Freilich 
stammt eben daher der Misskredit, in welchem gerade diess Verfahren steht. In 
Ueberstürzung oder Ueberspannung des an sich richtigen Gedankens geschah es hier, 
dass die principielle und darum nur vorbereitende Betrachtung unberechtigt über ihre 
Grenze schweifte und die Fachwissenschaft bes. auf dem Boden des naturgemässen 
Erfahrungswissens aus ihrer berechtigten Stelle drängte. Allein „abusus non tollit 
usum“, und die selbst vielfach übertriebene Reaction gegen jene Uebertreibung kann 
'ins an der Sache als solcher doch noch nicht irre machen. 
Warum ich aber für angezeigt erachte, jene obige Kultur des immerhin schon 
«lehr peripherischen Gebiets der Philosophie in unsrer Gegenwart besonders zu
	        

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