Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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Ein Ausweg scheint nun freilich schwer zu finden, wenn einerseits neue, irn- 
ponirende Systeme nicht nur so beliebig machbar sind, eine blos geschichtlich kon- 
servirende Behandlung andererseits gar leicht misslich wird, ein principloser Eklekti- 
cismus aber, der Einen Satz da, einen anderen dort aufgreift, doch auch wahrhaftig 
nicht als befriedigende, in sich geschlossene Weltanschauung betrachtet werden kann. 
Und doch, genauer zugesehen ergiebt sich aus dem wahren Begriff der Philosophie 
über den in Fachkreisen mehr und mehr Uebereinstimmung herrscht, soviel Schiefes 
und Halbwahres sonst darüber behauptet und angenommen wird, es ergiebt sich auch 
für Uebergangszeiten wie die unsrige eine Möglichkeit, in einer wenigstens relativ 
neuen, jedenfalls erspriesslichen Weise philosophisch fortzuarbeiten und wirksam zu sein- 
Die Philosophie ist nicht etwa, wie man zuweilen definiren wollte, Geistes 
wissenschaft gegenüber der Naturwissenschaft (im weitesten Sinn des Worts). Denn 
auch das Gebiet der letzteren lässt sie sich keineswegs nehmen, wie die grosse Zahl 
der naturphilosophischen Systeme von alten Zeiten an lehrt. Umgekehrt findet sie 
auf dem Boden des Geistes und seines Lebens bereits eine ganze Reihe festgewurzel 
ter, keineswegs verdrängbarer Fachdisciplinen vor. Wollte sie nur neben diesen Platz 
nehmen, so bliebe ihr am Ende, von allen Einsprachen und Kompetenzkonflikten frei, 
nur das dürftige Gebiet formaler Logik übrig. Indess, sie ist materiell oder dem 
Gegenstand nach betrachtet überhaupt gar nicht Fachwissenschaft, den anderen ko- 
ordinirt, sondern vielmehr, natürlich nur in diesem logisch begrifflichen noch keines 
wegs taxatorischen Sinn, allen superordinirt und steht in wesentlich gleicher Beziehung 
zu sämmtlichen Einzeldisciphnen als umfassende PrincipienWissenschaft. 
„Princip“ bedeutet nun fürs Erste den Anfang und bedingenden Ausgangs 
punkt. Und so ist es Eine der Hauptaufgaben für die Philosophie, die Grundbeding 
ungen, Voraussetzungen und Normen der Erkenntniss überhaupt, der wissenschaftlichen 
Ihätigkeit und Forschungsarbeit im Allgemeinen zu untersuchen und nach Kräften 
festzustellen. In dieser Richtung hat sich unter den Neueren besonders Kant und seine 
Schule unverlierbare Verdienste erworben. — „Princip“ ist aber fürs Andere auch 
wieder das Letzte, der Schluss oder Einer der verschiedenen Schlüsse. Jede Fach- 
disciplin kommt im Verlauf ihrer Forschung unvermeidlich an gewisse äusserste Punkte 
oder Voraussetzungen als an die Grenze der Detailuntersuchung. Diese Marken 
wenigstens einmal zu sammeln, zu ordnen und zu harmonisiren, d. h. zu sehen und 
zu suchen, ob und wie von ihnen aus Hindeutung zur vollen Einheit gewonnen werden 
möge — auch diess ist wieder eine Aufgabe der Philosophie und nicht mehr der 
Fachwissenschaften; es ist der metaphysische Abschluss, wie ihn namentlich das Schelling- 
Hegel’sche Denken in gewaltiger Energie ob auch grosser Kühnheit versucht hat. 
Nun bleibt aber noch ein mittleres Arbeitsgebiet von wichtiger und bedeut 
samer Art, nemlich das principielle Verhalten der Philosophie zu den 
einzelnen h achdisciplinen selbst. Nicht nur liegt ihr hier ob, mit weiterem
	        

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