Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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der Geschichte der Philosophie werden kann, so birgt es doch eine grosse Gefahr 
in sich, sobald es allein bleibt und meint, die Philosophie, das eigene Denken selbst 
ersetzen zu können, statt nur die Hinleitung und Vorschule dafür zu bilden. Und so 
geht es leider erfahrungsmässig gar häufig. Man sieht Ein System nach dem Andern 
auftreten; bei jedem heisst es, wie in der Apostelgeschichte: Die Füsse derer, die 
dich hinaustragen, stehen schon vor der Thüre! Die Nachfolger halten bereits die 
Hebel parat und spähen nach den Fugen oder Rissen, um sie dort einzusetzen und 
am kaum Gebauten das Zerstörungswerk zu beginnen. „Das ist ja doch wohl nur ein 
Theater, eine Tragödie oder Komödie der Irrungen und kein Lebensernst!“ So denkt 
gar Mancher bei oberflächlichem Blick auf diesen rastlosen Prozess und fragt: Was 
ist denn, wenigstens philosophische, Wahrheit ? Wo ist hier ein Bleibendes im nimmer 
muhenden Fluss? Ein solcher Frager achtet freilich nicht darauf, wie gerade in diesem 
Hingen sich des Menschengeists titanen- und prometheusartige, „nach vorwärts sich 
dreckende und denkendstrebende“ Natur ehrenvoll erweist, weil es eben keine Kinder, 
ritthsel sind, um deren Lösung sich’s handelt. Schnell fertig mit dem Urtheil oder Wort- 
*ie unsere Dampf- und Telegraphenzeit so gerne ist, gedenkt er nicht an des Alt 
meister Göthe goldenen Spruch: 
„Irrthum verlässt uns nie; doch zieht ein höher Bedürfniss 
Immer den strebenden Geist langsam zur Wahrheit hinan.“ 
Entweder wendet er sich nun in moroser Resignation weg von diesen nebel 
haften d. h. in Wahrheit idealen Gebieten, wo man (wie Lessing es rühmt!) immer 
Ill, r suchen müsse, weg zu den Fachstudien konkreter und konkretester Art, wo der 
mindere Ideengehalt dafür um so mehr greifbare Fasslichkeit in die Hand gibt. Oder 
aber geschieht gerade bei demjenigen Fachstudium, welches sich sonst noch am ehren- 
v °Hsten den Sinn für die Philosophie bewahrt hat, das noch Schlimmere: Es tritt 
( Hr augustinische Vernunftpessimismus ein, der dem sündhaft verderbten Menschen 
geschlecht keine natürliche Fähigkeit zur Wahrheitserkenntniss zugesteht und sich 
darum blindlings in das stürzt, was wenigstens er Offenbarung heisst. Wahrlich, nicht 
80 selten ist diese Erscheinung, dass aus der Unruhe des zuerst betriebenen philoso 
phischen Studiums heraus diese gewaltsame Kirchhofsruhe in einem ä tout prix er- 
' v ähltcn „positiven“ Standpunkt, bei den verba magistri gesucht wird, auf die man 
Hituii schwört. 
Nein, wenn die Geschichte der Philosophie nur deren Verachtung wirkt, 
m |n sie nur die Illustration von der Vergeblichkeit des menschlichen Wahrheitstriebs 
8,1111 soll, wenn sich auf ihrer Trümmerstätte so oder anders das antiphilosophische 
wenn 
( 0lt »ml Mühe, ja der letzte Schaden ärger, denn der Erste. Eben desshalb aber darf 
U> 3 H nicht allein und ausschliesslich an Statt der Philosophie selbst gelten; sonst 
Wri r( j • 
8Ie meistens jene Schlusswirkung haben. I
	        

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