Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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und Hegelisch substanzieller Gediegenheit yorgenommen würde, etwa auf dem Weg, 
den unter den Neueren S c hleierrn ach er als Philosoph wohl am trefflichsten an 
gedeutet hat. 
Nahe mit jenem einseitigen Rückzug verwandt und noch mehr im Geiste 
unserer Zeit liegend ist nun aber die rein geschichtliche Betreibung der 
Philosophie. Vielfach herrscht gegenwärtig die Neigung, Lehrdarstellung und 
Studium derselben ganz in der Betrachtung ihrer Systeme nacheinander aufgehen zu 
lassen, was von bekannten und hierin sogar blendend begabten Kräften erfolgreich 
geleistet wird. So pflegt ja überhaupt auf Zeiten überreicher Produktion gern eine 
Periode des Konservirens zu folgen, wo der von den grossen Bergleuten zu Tag g e ‘ 
förderte Gehalt gesichtet, geschmolzen und in handlichen Umlauf gesetzt wird. 
Gewiss ist die Geschichte der Philosophie ein höchst werthvoller, interessanter 
und lehrreicher Gegenstand, vielleicht derjenige, unter den Zweigen der geistigen 
Menschengeschichte, wo sich ihr innerster Kern offenbart, weit mehr sogar, als u 1 
der verwandten Kultur- und Literatur- oder Kunstgeschichte Diess besonders, wenn 
sie in richtiger, gerade hier unerlässlicher Form behandelt wird: ohne Hegels am 
Ende zuzugestehende Uebertreibung doch wesentlich in Hegels Geist. Darf überhaupt 
keine, ihrer hohen schönen Aufgabe würdige Geschichte nur äusserliche Sammlung 
von Thatsachen und Notizengelehrsamkeit sein, ein Schlackenhaufen ausgebrannten 
Lebens, so am wenigsten die Geschichte der Philosophie oder der suceessiven Mensch 
heitsgedankenentwicklung im Grossen. Hier muss der Hauptnachdruck auf das Moment 
„l hilosophie“, und nur der Nebenaccent auf „Geschichte“ fallen; nicht Sehaaleü 
literarischer oder biographischer Art sind hier das Wesentliche, sondern der sachlich 
systematische Kern, wie er sich zumal in der Aufeinanderfolge der grossen Haüp^ 
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Systeme, leicht umrankt von den Nebenschösslingen, zeigt. Alsdann präsentiren 9 * c 1 
die nacheinander auftretenden Lehren als ein lebendiger und geisteskräftiger Dial°# 
des Menschengeists mit sich selbst in seinen verschiedenen Phasen. Reichlich tnög eI ? 
dann, als Korn unter der abfallenden vom Wind verwehten Spreu, bleibend erui'' tc 
Wahrheiten gefunden werden, die fruchtbar in den Gesammtbesitz der Menschheit 
übergehen. Aber auch von dem abgesehen ist ein Kursus der philosophischen ßüd er ' 
gall er ie, ein nicht nur spielendes, sondern arbeitendeindringendes Durchwandern j eI * er 
wechselnden Systeme ein höchst werthvolles „Gymnasium“ des Geistes, eine Rm*' 
und Uebungsschule, um die grösste, darum so seltene Kunst zu lernen, ich rnein e 
die Fähigkeit der Abstraktion, des Absehenkönnens von sich selbst und’eigenen, ° b 
wahren, ob falschen Meinungen, der vorurteilsfreien Hineinversetzung auch in 
konträre Denkweisen. Wie heilsam muss eine derartige geistige Elastizität, Schmieg 
samkeit und Biegsamkeit auch für alle andern Aufgaben sei es der Forschung oder 
des Lebens werden, an die man herantreten mag! 
Aber freilich, so nutzbringend im idealen Sinn des Worts hiernach das Studio« 0
	        

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