Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

In Folge dessen haben wir denn dermalen kein beherrschendes, all 
gemeiner anerkanntes philosophisches System, an das sich der Einzelne 
anschliessen möchte. Denn in der That, jene Mode Weisheit des Pessimismus 
wäre zu hoch geehrt, wenn man dem Beifall der Menge folgend sie für eine neue 
epochemachende Weltanschauung, für mehr als die, in scheinbare Systemform gebrachte 
schlechte Laune] der vielen Blasirten unseres nervösen Jahrhunderts halten würde. 
Lie sittliche Krankheit, an der unser Zeitalter darniederliegt, der schlaffe Eudämonis 
mus hat sich darin Ausdruck gegeben; darum und nur darum der reiche Beifall der 
Masse Gleichgesinnter, auf den diese Richtung selbstgefällig zu pochen liebt. 
Sollen wir es nun unter solchen Umständen als erste und dringendste Aufgabe 
der gegenwärtigen Philosophie bezeichnen, ein neues Systemgaufzubauen, eine neue 
e igenthüinliche Art von Weltanschauung zu konstruiren? Ich glaube nicht, da ich 
2 weifle, ob eine derartige Forderung als Forderung überhaupt billiger und ver 
nünftiger Weise gestellt werden kann. Philosophische Systeme sind keine Fabrik- 
ar heit, auch nicht einzelne Entdeckungen, darum nicht beliebig machbar, wenn Einer 
gerade Müsse und Lust dazu hat oder die Zeit das Bedürfhiss nahezulegen scheint. 
AL etwas tief Geistiges, ähnlich grossen Leistungen der Poesie, werden und wachsen 
Slt ‘ mehr, als dass man sie producirt; ihre Quelle ist eine Art von profaner Inspiration, 
(lie wie auf allen verwandten Gebieten der Genialität ihre Zeit und Stunde hat. 
Au ch die Sterne am Firmament stehen nicht symmetrisch vertheilt, wie ihre gemalten 
hbilder an den Kirchengewölben. So sehen wir nicht minder in der Geschichte des 
J(! >stes ein stossweises oder intermittirendes Auftreten der epochemachenden Grössen. 
a l'rzelinte, selbst Jahrhunderte lang kann die originale Produktivität aussetzen, bis 
* Quelle plötzlich wieder lliesst — beides nach uns unbekannten, nicht auf der 
Platten Oberfläche liegenden Gesetzen! 
Demnach gilt es, den Eintritt neuer grossartiger Gebilde in bescheidener Ge- 
abzuwarten, inzwischen aber das glimmende Feuer unter der Asche einer minder 
S’histig gestimmten Zeit treulich zu hüten. In diesem Sinn üben und empfehlen nun 
ar »che den einstweiligen Rückgang auf ein einzelnes, in früheren Tagen liegen- 
( K*s S 
ystern. Besonders beliebt ist die Losung, von Hegels gar zu grosser Kühnheit 
dUl Kants nüchterneren, aber dafür auch solideren Boden sich zurückzuziehen. Es 
1,|a g am Ende sein, dass die Entwicklung etwas zu rasch von dem grossen Königs- 
Ucr Weisen weggegangen ist und zu frühe seine vorsichtigen Mahnungen kiitischer 
Scheidung vergessen hat. Trotzdem dürfte ein solcher gewaltsamer Schritt rückwärts 
eh 
;® n einfach doch ein Rückschritt sein, weder konsequent durchführbar, noch auch 
llst °risch berechti&t In derartiger Weise lassen sich grosse geschichtliche Erscheinun- 
Jfüv, n ...... 
'üe einmal wirklich gewesen sind, nicht nur kurzerhand kassiren; sie wollen 
1 weiteren Entwicklungsgang mindestens mitbcachtct sein. Weit eher dürfte der 
Sutz »u Neuem darin liegen, dass eine künftige Synthese Kant’schen Formalscharfsinns
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.