Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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So mag denn die Philosophie in der Gegenwart daran gedenken, dass es auch 
schon eine Zeit gab, wo ihr die äussere Anerkennung im vollsten Mass zu Theil 
wurde, wo sie geradezu auf dem Thron der Hohenzollern selbst sass in der Gestalt 
des Weisen von Sanssouci, des grossen Friedrich, der das platonische Wort vom 
Königs-Philosophen realisirte. Sein höchstgehaltenes Andenken schwebt wie ein Schutz 
geist über seinem Haus und Volk; warum also nicht auch über der von ihm so hoch 
geschätzten, dermalen aber geringer angesehenen Wissenschaft? Eben darum ist es 
keine Abschweifung auf schlechthin Fremdes, es ist im Sinn des pietätsvoll sich 
bewahrenden hohenzollerischen Geistes, heute an dieser Stätte der Universität zu 
sprechen von der Aufgabe, welche die Philosophie gerade in unserer Gegenwart hat. 
Die handgreifliche Reaction gegen jene philosophische Begeisterung, die in den 
dreissiger und vierziger Jahren unseres Jahrhunderts noch mit besonderer Stärke 
herrschte, möchten Viele ganz dem damaligen Hauptsystem, dem letzten grossen, das 
unsere Wissenschaft gehabt, Schuld geben. Hegel, sagen sie, hat es verdient, dass 
seine überspannten Ansprüche auf „absolute“ Philosophie neben keineswegs ent 
sprechenden Leistungen so kläglich Fiasko machten; denn Hochmuth kommt überall 
vor dem Fall! Allein solche Vorwürfe, wie sie selbst in manchen philosophischen 
Kreisen Mode geworden sind, treffen denn doch den genialen Meister und seine ächten 
Schüler nicht selbst, sondern höchstens die vergeilte Seitenlinie jener geistigen Hoch- 
fluth, etliche Namen des sog. „jungen Deutschland“, welche aber unser inkonsequenter 
Modeliberalismus flacher Aufklärerei gerade wieder als seine Heroen feiert. Wenn 
jedoch auch die ächten Gestalten jenes grossartigen Systems, wie ausnahmslos alles 
Menschliche, nicht frei von Tadel und Mängeln sind, so dürfen wir daneben nicht 
übersehen, wie Vieles von ihren Leistungen blos darum nicht mehr dankend anerkannt 
wird, weil es durch sie zum Gemeinbewusstsein, zur mehr oder weniger unbewusst geübten 
Form des Denkens und Forschens auch ohne die genau schulmässige Schablone ge 
worden ist. Das darf vor Allem die Geschichtswissenschaft nicht vergessen, die jenen 
Anregungen so Vieles verdankt, wenn sie auch mit Recht die Schaale des Kerns bei 
Seite gelegt hat. In dieser \\ eise zur Substanz des Gesammtbewusstseins zu werden» 
ist aber doch die schönste Frucht und Leistung, der erspriesslichste Erfolg. Viel 
besser wahrhaftig ist es, im Bewusstsein seines Volks ob auch danklos fortzuleben, 
als nur im Staub der Bibliotheken! 
So nöthig uns diese entschiedene Einschränkung des landläufigen Schmähen» 
und Verachtens der Hegel’schen Philosophie dünkt, so gerne gestehen wir doch and 
rerseits zu, dass auch ihr nach ihrem eigenen Kanon geschehen ist: „die Weltge 
schichte ist das Weltgerichte.“ Auch über ihre „absolute“ Stufe ist der rastlose Vvoz<** 
fortgeschritten und hat sie wenigstens in diesem Sinn ad acta gelegt, wie auch d r<i 
früheren treuesten Anhänger mehr und mehr eiimestchen.
	        

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