Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

Hochverehrte V ersammlung! 
Es ist mir der ehrenvolle Auftrag geworden, an dem heutigen Festtag Preussens oder 
vielmehr der ganzen Deutschen Nation bei der Feier in den alten Räumen der 
CHRISTIANA ALBERTINA zu reden. Wenn ich mir dabei, wie üblich, erlaube, 
meinen Gegenstand aus dem Gebiet meines speciellen Berufs zu wählen und zu handeln 
über „die Aufgabe der Philosophie in unserer Zeit“, so liegt das von dem 
Cedanken- und Stimmungskreis dieses Tags nicht soweit ab, als es zunächst scheinen 
mag. Katholische Gemüther schauen in der Noth nach Schutzheiligen aus, sich unter 
deren Fittichen zu decken. Und so ist es ein allgemein menschlicher Zug, in „Tagen 
der geringen Dinge“, wie die alttestamentlichen Propheten zu sagen pflegen, das heisst 
m Zeiten, wo die eigene Sache sei es wirklich, sei es auch nur in der Werthschätzung 
der Welt gesunken ist, sich zu erheben durch die Erinnerung an glänzende \ ertreter, 
mi Grössen der vergangenen Perioden, um darin auch für die Zukunft Ermuthigung 
Un d Bürgschaft neuer Blüthe zu finden. 
In einer solchen Lage dürfte sich eben gegenwärtig die Philosophie befinden. 
Wenn Kant sie einst die „Königin der Wissenschaften“ nannte, oder vielmehr richtiger, 
W( mn er sie glänzenden Geists dazu machte, — wohin ist jetzt ihre Herrlichkeit ent 
schwunden? Jahrzehnte lang beherrschte sie auf jenen gewaltigen Anstoss hin die 
Geister, i m Vordergrund der lebhaftesten Theilnahme stand sie und wusste die tüch- 
bgsten Köpfe, die besten Kräfte nach einander in ihren Dienst zu ziehen, ohne, wie 
a ’*f anderen Gebieten wohl geschieht, durch viel äusseren Vortheil, Begünstigung und 
(i Wiz zu locken. In unseren Tagen ist ihr Nimbus verblichen. Weit weniger trägt sie 
'Wan selbst die Schuld, als dass eben äusserlich in der Stimmung und Interesse- 
’■mhtung der Menschheit ein Umschwung zu ihren Ungunsten geschehen ist. Ebbe und 
’’Wh, Zeiten des Auf- und Niedergangs, Wechsel der Saisonen herrscht nun einmal 
ai,c h auf dem Gebiet der Wissenschaften, von denen es heisst; chacun it son tour!
	        

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