Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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die aus ihrer Quelle schöpfen, sondern auch die übrigen Nordländer, die Schweden 
und Dänen, und nicht minder die übrigen Germanen und somit auch wir Deutsche. 
Der Gewinn, den die Genannten aus ihr schöpfen, ist ein doppelter. 
Zunächst besteht er in dem, was die altisländische Literatur ihnen von ihrer 
eignen Vorzeit berichtet und was um so höheren Werth beansprucht, als diese Be 
richte entweder die einzigen ihrer Art, ohne welche sie auf die in ihnen ertheilte 
Kunde völlig verzichten müssten, oder — wo noch andere vorhanden — gleichwohl 
die isländischen durch ihren Reichthum und ihre relative Reinheit eine unschätzbare 
Ergänzung bilden. 
Sind es doch vorwiegend isländische Gedichte und Saga’s, denen die Schweden, 
noch viel mehr die Dänen die Kunde ihrer ältesten Sagen, ihrer ältesten Königsge 
schichte verdanken; sind es doch lediglich jene auf Island gesammelten und aufge 
zeichneten Edda-Lieder von den Völsungen, in denen uns Deutschen die mythische 
Vorgeschichte unsrer Nibelungen aufbewahrt worden. 
Weit umfassender jedoch ist der Gewinn, den das germanische Alterthum aus 
der altisländischen Literatur durch das Mittel der Vergleichung schöpft. 
Er betrifft Sprache und Dichtung, Mythus und Heldensage, Recht und Ver 
fassung, öffentliche wie häusliche Einrichtungen, kurz das ganze Leben nach seiner 
ideellen wie materiellen Seite. Je dürftiger und lückenhafter das Bild,’ das uns vom 
Leben der Germanen der früheren Jahrhunderte in den meisten der genannten Be 
ziehungen überliefert ist, ein um so volleres und anschaulicheres entfaltet sich uns 
in der altisländischen Literatur, Diese reiche Quelle der Belehrung für das germanische 
Alterthum zu verwerthen, durch sie es zu erleuchten und zu ergänzen, erscheint um 
§ o lohnender, als unter allen Germanen den Isländern es in Folge ihrer geographischen 
Entlegenheit am längsten vergönnt war, ihr Germanenthum selbständig auszubilden 
und sich frei von süd- und ost-europäischen Einflüssen zu entwickeln. 
Kann auch hier nicht scharf und bestimmt genug hervorgehoben werden, wie 
diese den Isländern länger verstattete Ausbildung zugleich in einer Fortbildung 
bestand, durch die sie sich den übrigen Germanen almälich mehr und mehr ent 
fremdeten und dass sonach jene Verwerthung nur dann eine wissenschaftlich haltbare 
sein wird, wenn sie von stäter Berücksichtigung dieser durch Ort und Zeit bedingten, 
z. Th. gar nicht unwesentlichen Veränderungen begleitet ist — 
lässt sich ferner nicht nachdrücklich genug erinnern an das unkritische und 
von nationalen Sympathieen und Antipathieen nicht am wenigsten beeinflusste Ver 
fahren, dessen man bei der Beurtheilung des Verhältnisses von Islands Alterthum 
zum nordischen und germanischen sich schon so oft in alter und neuer Zeit, in 
Skandinavien nicht minder als bei uns in Deutschland schuldig gemacht — 
nichts desto weniger sind die in gemeinsamer Herkunft begründeten Be 
ziehungen zwischen Isländern, Skandinaven und Germanen zu eng und ist der Ertrag,
	        

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