Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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und sie mit dem vollen Gefühl ihrer Verantwortlichkeit zu durchdringen. Bei einem so zusammen 
gesetzten Personal ist denn auch, trotz der sorgsamsten Ueberwachung, die Trennung des Verkehrs 
zwischen den einzelnen Abtheilungen und Zimmern nicht mit der nöthigen Strenge aufrecht zu 
erhalten. Kommt dazu eine an sich geringere Zahl der Schülerinnen, wie es öfter im Missverhält- 
niss zu der Frequenz der Geburten in den Wintercursen der Fall ist, oder häuft sich vorübergehend 
die Menge der Wöchnerinnen mehr als gewöhnlich, so hat die Pflege in Einzelzimmern nicht nur 
den Nachtheil, dass sie die Kräfte des Personals früher erschöpft, sondern es ist alsdann, wenn 
nicht zufällig Schwestern des Mutterhauses zum Zweck ihrer Ausbildung in der Anstalt pflegen, 
da geeignete Hülfswärterinnen sonst schwer zu beschaffen sind, kaum zu vermeiden, dass die 
Schülerinnnen von kranken zu gesunden Wöchnerinnen gehen, oder nach einer Krankenpflege bei 
Gebärenden Hülfe leisten, obwohl natürlich nicht immer genügende Sicherheit gegeben werden 
kann, dass sie alle zur Selbstinfection ihnen vorgeschriebenen Maassregeln gründlich befolgt haben. 
Gern würde ich mich in solchen Fällen dadurch aus der Verlegenheit ziehen, dass ich, wie es an 
anderen Anstalten zum Theil oder selbst ausschliesslich geschieht, die Pflege der Wöchnerinnen 
den Schwangeren übertrüge; aber dieser Weg ist mir in der Regel verschlossen, da die gewand 
teren und für diesen Zweck geeigneten Schwangeren gewöhnlich erst kurz vor der Niederkunft 
oder als Kreissende in die Anstalt kommen, während die früher eintretenden, meist Dienstmädchen 
von Lande, durchgehends zu plump und indolent sind, als dass man ihnen eine solche Aufgabe 
anvertrauen könnte, Ivine Uebertragung der Krankheit durch die Studirenden ist zwar auch mög 
lich , aber weniger zu befürchten, als durch die Schülerinnen, da jene sich bei den bestehenden 
Einrichtungen überall leichter controliren lassen und ausserdem bei ihnen ein richtigeres Verständ. 
niss und ein lebhafteres Gefühl ihrer Verantwortlichkeit vorausgesetzt werden darf. Dass die 
Verbreitung der Krankheit weder mir, noch den Assistenten zur Last fällt wird dadurch erwiesen, 
dass die von uns während der Endemie ausserhalb der Anstalt Entbundenen gesund blieben. Das 
sicherste und wiederholt von mir erprobte Mittel, dem Umsichgreifen der Krankheit in der Anstalt 
ein Ziel zu setzen, besteht darin, die innere Untersuchung der Gebärenden für eine Zeit lang zu 
suspendiren und die Nachgeburt ausschliesslich durch den sogenannten CREDE’schen Handgriff 
entfernen zu lassen. Ich habe mich in den letzten Jahren um so leichter zu dieser Maassregel 
entschlossen, als sie Gelegenheit giebt, solche Geburten — natürlich nur Schädelgeburten — in 
besonderer Weise für den Unterricht zu verwerthen, indem sich dabei zeigen lässt, bis zu welchem 
Grade der Sicherheit man im Stande ist, durch eine sorgfältige äussere Untersuchung die Verhält 
nisse zu erkennen und den Gang der Geburt zu verfolgen. Wenn, wie ich hoffe, in diesem Sommer 
die im Bau begriffene Baracke wird bezogen werden können, so eröffnet sich die Möglichkeit, jede 
ernstlich Erkrankte sogleich aus der Anstalt zu entfernen und allen Zwischenverkehr zwischen ihr 
und den gesunden Wöchnerinnen und namentlich den Gebärenden so vollständig, als überhaupt 
möglich, abzuschneiden. Ich glaube dadurch im Stande zu sein, die Zahl der Erkrankungen in der 
Anstalt wesentlich zu beschränken und hoffe überdies, dass die Verlegung der Erkrankten in die 
Baracke auf den Verlauf ihrer Krankheit einen günstigen Einflnss ausüben werde. 
Von der Gesammtzahl der 128 Kinder wurden gesund, resp, hergestellt entlassen no 
in der Schwangerschaft waren abgestorben 3 
unter der Geburt starben 6 
in 2 Fällen von hochgradiger Beckenenge war die Perforation, resp. Kephalo- 
tripsie nöthig gewesen; in einem Falle bei einem dnreh Osteomalacie ver- 
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